Wie Cam’rons pinker Pelzmantel die Zukunft der Mode vorhersagte

Mitnichten ist Cam’ron ein Fremder in der euphemistischen Welt der Mode. Im vergangenen Jahr enthüllte der New Yorker Designer Telfar Clemens seine Zusammenarbeit mit der Fast-Food-Kette White Castle. Telfar entwarf die neue Berufsbekleidung, welche von dem Harlem-Rapper auf dem Dach des Restaurants in Queens präsentiert werden sollte – das präventive eingreifen der ortsansässigen NYPD verhinderte das Spektakel in letzter Minute.

Selbst wenn diese Aufführung vonstattengegangen wäre, wäre es nur eine kleine Randnotiz im Vergleich zu Cam’rons berühmtesten Erscheinungsbild. Es war ein unvergänglicher Moment von unverfälschter Popkultur und die Geburt, des beständigsten, ironischsten und viralsten New York Fashion Week-Foto aller Zeiten.

Es war im Jahr 2002, nach einer Baby Phat Modenschau – die Spin-Off-Marke der damals sehr beliebten Bekleidungsmarke Phat Farm, die dem Rap-Mogul Russell Simmons gehörte – als Cam’ron gänzlich in Pink gekleidet, den Paparazzi entgegentrat. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon mit Songs wie „Oh Boy“ und „Hey Ma“ in die Top 20 der Billboard 100 einstieg, war dies seine erste Fashion Week. Cam’ron war gekommen um zu flexen. Von Kopf bis Fuß in Rosa gekleidet, posierte er für ein paar Augenblicke und hielt dabei ein pink farbenes Klapphandy an sein Ohr. Der Rest ist Geschichte.

In den darauffolgenden Jahren, zierte eben jenes Bild T-Shirts, Socken, Badeanzüge, Flaggen und jedes andere erdenkliche Textil. Das ganze gipfelte sich in der Erstellung eines eigenen pinken Farbtons im Pantone Matching System – ein Farbsystem das hauptsächlich in der Grafik- und Druckindustrie eingesetzt wird. Künstler wie Kanye West, 2 Chainz und Frank Ocean rezitierten das Bild in ihren Texten. Auch in Videos von Solange oder Rihanna wurde das pelzige Outfit als Inspirationsquelle genutzt.

Cam’ron, am besten bekannt für seine humoristischen Bars und exzessiven Chauvinismus, startete einen Trend – einen bemerkenswerten in der maskulin geprägten Welt des Hip-Hops der frühen 2000er Jahre. Schnell begannen Läden in New York, in denen Männermode verkauft wurde, rosafarbene Artikel in ihr Sortiment aufzunehmen. Kanye adaptierte den Farbton, kombinierte ihn mit seinem eigenen Kleidungsstil und ließ uns später auf Barry Bonds folgendes wissen:

But I’m doing pretty good as far as geniuses go. And I’m doing pretty hood in my pink polo.

Beschattet wurde das Ganze von 10 Tötungsdelikten in New York, welche auf eine 12 köpfige Gang zurückzuführen war. Besagte Gang operierte unter dem Namen „Dipset“, dem Namen von Cam’rons damaliger Rap-Crew und frönte ebenfalls der Obsession für alles Rosafarbene.

Cam’rons legendärer Pelzmantel war maßgeschneidert, kostete 5.000 US-Dollar und wurde 2014 für 75.000 US-Dollar versteigert. Es ist bemerkenswert das ein Bild, welches in einer Zeit aufgenommen wurde, in der auf Kosten der Zeitlosigkeit, ein eigenwilliges Abstraktum der Popkultur geschaffen wurde, eben dieses Bild noch so relevant ist. Sei es durch die Unterstützung der Rosa-Renaissance der letzten Saisons, welche von CÉLINE bis hin zu Stone Island reichten.

Selbst wenn man nur den Namen Cam’ron erwähnt und nicht wirklich mit seiner Musik vertraut ist, zaubert es einem dieses bestimmte Bild ins Gedächtnis. Obwohl er mit einen Klapphandy ausgestattet war, war er seiner Zeit weit voraus. Cam’ron hatte ein (Mode-) Meme kreiert, lang bevor Memes überhaupt existierten.

Das visuell auffällige Bild wurde mit dem Wissen erstellt, dass einige Leute sich über ihn lustig machen würden. Es war aber auch ein effektives Statement gegen das konventionelle Machogehabe, welches die damalige Industrie dominierte. Wer, wenn nicht Cam’ron hätte solch einen Look zu dieser Zeit salonfähig machen können. Er war nicht nur äußerst selbstsicher, er war auch durchaus ein Typ, der gut einstecken konnte. Am besten illustriert durch die Tatsache, dass er wahrscheinlich der einzige Mensch ist, welcher angeschossen wurde und sich anschließend selber mit seinem Lamborghini in einem Krankenhaus einlieferte – so passiert im Jahre 2005.

Jedoch sah sich Cam’ron mit dem gleichen Problem konfrontiert, mit dem sich heutzutage viele Meme-Ersteller und Twitter Savages herumschlagen müssen: wie monetarisiert man diese temporäre Popularität richtig? Ein Problem, welches er auch in einem Interview mit Forbes adressierte: „I was like, these people are making money off my likeness“. Während Cam’ron kein Geld für die Verwendung seines Bildes sieht, welches sich auf Kleidung bis hin zu Haushaltsgegenständen wiederfindet, versuchte er einen neuen Trend mit der Farbe Lila zu schaffen – erfolglos. Sein Lila akzentuierter Versuch endete mit dem Flop-Album „Purple Haze“.

Dieser Sinn für Humor und Selbsterkenntnis, der dieses Bild zu einem Erfolg werden ließ, wurde zu einem bestimmenden Moment, der sowohl für Hip-Hop als auch für die Mainstream-Popkultur charakteristisch ist. Ob es nun Kanye Wests Track „I Love Kanye“ ist, welcher auf der Wahrnehmung seines eigenen Egos brilliert oder Balenciaga, welche eine 1.700€ Luxustasche, inspiriert von einer Ikea Umhängetasche zum Verkauf anbieten. Der effektivste Weg um die Popkultur zu dominieren, ist durch pure Drastik, die an das Surreale grenzt.  

In der Mode hat das Zusammentreffen von anmaßendem Ausschweifungen und ironischer Geschmacklosigkeit zunehmend an Bedeutung gewonnen. Demna Gvasalia, Designer von Balenciaga und Vetements, hat ein Gespür dafür entwickelt, Dinge zu schaffen, von denen er weiß, dass sie seziert und verspottet werden, die aber zweifellos für Aufsehen sorgen werden. Oft haben sie einen ähnlichen Ursprung von ausschweifender Prahlerei und subversivem Humor wie ein fünftausend Euro teurer, rosafarbener Pelzmantel mit passendem Klapphandy.

Wir werden wahrscheinlich nie herausfinden, ob Cam’rons Foto von 2002 einen direkten Einfluss auf zeitgenössische Künstler wie Gvasalia oder Drake hatte. In gewissermaßen ist es irrelevant, da Kultur nicht linear ist. Das Bild bleibt jedoch unvergessen, versteckt in den Köpfen derer, die von dem Rap der frühen 2000er Jahren besessen waren. Eine Erinnerung an eine Zeit, in der Videobudgets in die Hunderte von Millionen gingen und MTV Cribs uns glauben ließ, alle Rapper hätten mit Kristall bestückte Kühlschränke.