Wie Box Logos und Kryptowährungen unsere Ängste über eine ungewisse Zukunft offenbaren

Im vergangenen Juni erregte eine seltsame Reklametafel gegenüber des Supreme Stores in der Lafayette Street, die Aufmerksamkeit der kaufstarken Kundschaft. Initiiert von einer Investment-Plattform namens Wealthsimple. Auf besagter Reklametafel wurde eine Guide beworben, welcher Schritt für Schritt erklärt, wie sich Streetwear in ein langfristiges Investment umwandeln lässt.

The Supreme Retirement Plan: How to Become a Millionaire by Flipping Streetwear.

Ein paar Monate darauf verkaufte Supreme 50% ihrer Anteile für rund 500 Millionen Dollar an die private Kapitalbeteiligungsgesellschaft The Carlyle Group und steigerte somit den Gesamtwert des Unternehmens auf 1,1 Milliarde Dollar – zusammengesetzt aus 1 Milliarde Eigenkapital und 100 Millionen Fremdkapital. Ebenfalls eine gute Altersvorsorge, aus Sicht des Supreme Gründers James Jebbia.

Source: lsnglobal.com

Dies waren nur zwei von vielen Indikatoren dafür, dass 2017 das Jahr war, in dem Streetwear die Mode übernahm. Unter Demna Gvasalia und Alessandro Michele avancierten Balenciaga und Gucci zu den marktdominierenden Kollaborateuren. Virgil Ablohs Off-White setzte seinen kometenhaften Aufstieg mit limitierten Auflagen und exklusiven Kollaborationen fort. Burberry arbeitete mit Gosha Rubchinksiyi zusammen während Supreme eine Zusammenarbeit mit Louis Vuitton in der Herbst/Winter Kollektion 2017 präsentierte.

Angesichts einer Generation von Verbrauchern, die in der modernen Geschichte sowohl die am best informierteste als auch die finanziell unabhängigste ist, suchen Luxuslabels nach Wegen und Lücken, um relevant zu bleiben – und somit profitabel. Streetwear füllt diese Lücke. Der Multimillionen schwere Sekundärmarkt für seltene Sneaker und Bekleidung stellt eine Veränderung des Verbraucherwunsches dar; wo ein Hoodie, der im Einzelhandel 148 Euro kostet, auf einer Online-Weiterverkaufsplattform wie Grailed oder StockX zehnmal so viel wert sein kann. Natürlich will die gesamte Industrie ein Stück von diesem Kuchen.

Dieses dynamische Konsumverhalten bildet eine Symbiose mit dem Aufstieg von Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum – virtuellem Geld, das für die Abwicklung von Transaktionen auf dezentralisierte Netzwerktechnologie angewiesen ist. Als die Investitionen in Kryptowährungen im Laufe des Jahres 2017 anstiegen, stieg folglich ihr Wert sprunghaft an. Einige frühe Investoren wurden buchstäblich über Nacht zu Millionären und fütterten einen rapiden Wachstumszyklus, der eine Blase nährte, die nur darauf wartet zu platzen.

Ab dem dritten Quartal des Jahres 2017 war es schier unmöglich, sich nicht mit Kryptowährungen auseinanderzusetzen. Im Dezember wurden die ersten Bitcoin-Futures an der Chicago Mercantile Exchange gehandelt, der weltweit größten Terminbörse und ermutigte somit die größten Finanzinstitute zu Investitionen in die virtuelle Währung.

Sowohl Streetwear als auch Kryptowährung scheinen Alternativen zu etablierten Systemen zu bieten, die sich schlecht an kulturelle Veränderungen angepasst haben. Die Tatsache, dass die etablierten Instanzen des Finanzwesens und der Mode diese Dynamik adaptieren, spricht für drohende Ängste vor einer unsicheren Zukunft.

Die Kryptowährung wurde in den 80er Jahren von Cyberpunks ins Leben gerufen, welche ein dezentralisiertes Wirtschaftssystem schaffen wollten. Bitcoin, das 2009 von dem Programmierer Satoshi Nakamoto, veröffentlicht wurde, macht dies mit der Blockchain-Technologie möglich, die jegliche Transaktionen auf einem anonymen, kryptografisch gesicherten Netzwerk von Computern vollzieht. Das Interesse an Kryptowährung war ursprünglich ideologisch. Es zog Nutzer aus dem gesamten politischen Spektrum an, die von dem Potenzial eines wahrhaft freien Marktes begeistert waren, unbeschwert von den Agenden großer Banken und marktbeherrschender Investment-Institutionen. Dies gestaltete sich als besonders attraktiv im Zuge der Finanzkrise von 2008.

Vergleichbar mit einem Sneaker in limitierter Auflage, trägt auch die festgesetzte Anzahl an Bitcoins – ca. 21 Millionen – zu dem raschen Wertzuwachs bei.
Der Preis für einen einzelnen Bitcoin stieg von 830 USD zu Beginn des letzten Jahres auf ein Hoch von rund 19.500 USD im Dezember. Heute beläuft sich der geschätzte Wert auf über $ 10.000 pro Stück. Der Besitz von Kryptowährungmitteln wird heute als Absicherung gegen eine weitere Finanzkrise angesehen und hat Gold als bevorzugte Krisensichere Wertanlage verdrängt.

Die Faszination für Streetwear rührt woanders her: greifbare Authentizität. Die Ausdrucksart von Streetwear ist in subkulturellen Bewegungen verwurzelt, in denen alltägliche Kleidungsstücke wie T-Shirts oder übergroße Jeans eine Bedeutung annehmen, die ihren monetären Wert überschreitet und die Mitgliedschaft einer bestimmten Gruppe vermittelt. Große Marken haben es verstanden tief greifende Verbindungen zu Einzelpersonen einzugehen, die sie zu hingebungsvollen Kunden machen. Es ergibt durchaus Sinn, dass das Mode-Establishment sich eine Heerschar von Designern zuwendet, die die Metriken von Streetwear verstanden haben.

Die Integration von Streetwear in den Mainstream ist unumkehrbar und spiegelt die Anpassung von exklusiven Großkonzernen an die Gewohnheiten und Wünsche jüngerer Konsumenten wider. Die Industrie lebt von der Energie, die von Subkulturen erzeugt wird, und konsumiert sie als Ganzes, um sie in großem Maßstab käuflich zu machen. Man könnte argumentieren, dass diese Verlagerung von Streetwear, einst Emblem einer Gegenkultur, auf eine Art luxuriöses „Cool“ reduziert wurde. Wenn Subkulturen durch Marktkräfte zugänglich gemacht werden, behalten sie zwar die Ästhetik bei, nicht aber die Absicht.

Umgekehrt kann es aber auch als Chance angesehen werden. Streetwear ist seit langem eine Plattform für marginalisierte Gemeinschaften und fungierte als Nährboden für sozialkritische Bewegungen. Es dauerte jedoch recht lang, bis die Industrie das Potential dieser Bewegung erkannte. Ein Potential mit Zukunftsversprechen für Randgruppen?

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Mode als auch die Handelswelt, jegliches finanzielles Potential ausschöpfen, bevor sie sich auf das nächste Ding stürzen – ungeachtet der ursprünglichen Ideologie von Streetwear und Kryptowährungen. Vielleicht ist der Grund, warum jeder nach einem schnell reich machenden Schema Ausschau hält, weil es sich so anfühlt, als würde die Zeit langsam knapp werden.