Warum du XXXTentacion kein Gehör schenken solltest

XXXTentacion, Schöpfer dessen, was heute das Nummer-1-Album der Staaten ist, ist genau die Art von Künstler, die so konzipiert sind, dass Erwachsene sich unzeitgemäß fühlen. Sein neustes Album „?“ ist der direkte Nachfolger seines im August des vergangen Jahres veröffentlichten Debütalbum „17“, welches den zweiten Platz der Billboard Top 100 erklomm.

Der Aufstieg des 20-jährigen Rappers verlief parallel zu diversen Anschuldigungen, welche sich in einer angeblichen Misshandlung seiner damals schwangeren Freundin gipfelten. Während er in den ersten Monaten des Jahres 2017 wegen einem bewaffneten Raubüberfall im Gefängnis saß, machte ihn seine Mystik und die Kontroverse um seine Persona zu einem wöchentlich diskutierten Thema in den sozialen Medien.

Rap-Fans diskutierten darüber, ob sie seine Musik überhaupt hören sollten und es entfachten hitzige Diskussionen über das öffentliche promoten seiner Tracks. Die Diskussion wurde ironischerweise parallel zu der #MeToo-Bewegung geführt, in der die Anschuldigungen des Missbrauchs, die Karrieren vieler lüsterner Männer mit Einfluss wie Harvey Weinstein, Patrick Demarchelier und Steve Wynn effektiv beendeten. Trotz all dieser Kontroversen, bleiben XXXTentacion und eine Handvoll gleichgesinnter, die ebenfalls wegen missbräuchlichen Verhalten angeklagt wurden, weiterhin die Gesichter der neuen Welle des Hip-Hops. Doch wie soll man als Fan mit diesen Anschuldigungen umgehen?

Kurz nach der Veröffentlichung von „17“ letzten Jahres, berichtete Pitchfork über die Details von Xs turbulenter Beziehung mit seiner ehemaligen Freundin, die während der besagten Vorfälle schwanger war. Der Bericht zeichnete einen jungen Mann mit narzisstischen Zügen. So verpasste er seiner Ex-Freundin einen Kopfstoß, weil diese den Part eines Features auf seinem Song mitsummte. Er zerbrach Plastik Kleiderbügel auf ihren Knien und würgte sie bis zur Bewusstlosigkeit. In der letzten Woche tauchte ein Video auf, in dem er eine Frau aus dem nichts, auf dem Hinterkopf schlug.

Im Jahr 2016 wurde ein weiterer Florida-Rapper, Kodak Black, wegen sexueller Übergriffe in South Carolina angeklagt. Laut Polizeiberichten, ignorierte er ihre verzweifelte Bitte, doch endlich das Beißen in ihre Brust und ihren Hals zu unterlassen. Der Internet-Rapper 6ix9ine, welcher sich für keine Kontroverse zu schade ist, bekannte sich schuldig, ein Kind bei einer sexuellen Darbietung im Jahr 2015 benutzt zu haben, nachdem er vor der Kamera mit ihr in eindeutigen Stellungen posiert hatte. Der Teenager Baton Rouge, alias NBA Youngboy, wurde kürzlich wegen schwerer Körperverletzung und Entführung angeklagt, nachdem ein Video aufgetaucht war, auf dem er seine Freundin auf den Hotelflur schlug – kurz darauf zwang er sie, dass Hotelzimmer nicht mehr zu verlassen.

Hip-Hop war schon immer eine Kultur, die von jungen, impulsiven und kontroversen Figuren lebte. Mit den Informationen, die es bereits zu den genannten Künstlern gibt, ist es den Zuhörern jedoch unmöglich, sie weiterhin mit gutem Gewissen zu unterstützen. Um richtig mit unseren Einfluss innerhalb ihres Erfolges umzugehen, müssen wir aufhören, sie als Quell der Unterhaltung zu nutzen.

Ein Boykott, stellt nicht nur Hörer, sondern auch die Medienlandschaft vor eine Herausforderung, da solche Musikveröffentlichungen ein Garant für Aufrufzahlen sind. Die Fangemeinden dieser Künstler werden immer größer, internationaler und einflussreicher. Die Dynamik des Internets macht uns vergesslich und erschwert die gesellschaftliche Deutungshoheit hinsichtlich solcher Anschuldigungen.

Am besorgniserregendsten ist jedoch die Tatsache, das trotz der Bekanntheit der Vorwürfe rund um XXX, 6ix9ine, YoungBoy und Kodak, ihre Einflussnahme allgegenwärtig ist. Jeder der vier – alle 21 Jahre oder jünger – hatten Projekte in den Top 25 der Billboard Top 100 – und das ist kein Zufall. Sie machen Musik, die bare Münze wert ist, entweder durch ihre explosive Energie (6ix9ine), interessante Geschichten vom Leben auf der Straße (Kodak und YoungBoy) oder unverfälschte Emotionalität (XXXtentacion). Der durchschnittliche Zuhörer will nicht über die Einzelheiten der Strafanzeigen nachdenken, wenn er seine Lieblingskünstler hört, egal wie ungeheuerlich sie sind. Es ist auch wichtig zu bedenken, dass die Mehrheit der Leute, die diese Künstler als Inspiration betrachten, Kinder sind, die jünger sind als du und ich.

Ihr Erfolg inmitten von laufenden Verfahren, zeigen auf das missbräuchliches Verhalten kein Beinbruch sein muss. Deshalb können Künstler wie R. Kelly – welcher für den Besitz von Kinderpornografie bis hin zur Haltung von minderjährigen Sexsklaven beschuldigt wird – und Chris Brown – schuldig im Bezug auf häusliche Gewalt – weiterhin existieren.

Dies ist die Art und Weise, wie Musikkonsum in 2018 funktioniert. Seit dem physische Publikationen derart irrelevant geworden sind, gestalten sich die Protestmöglichkeiten um einiges schwieriger. Stimmungsbedingte Algorithmen und dynamische Playlists machen das Umgehen dieser Künstler schwierig. Youtube und SoundCloud spielen automatisch Musik ab, die den vorausgegangenen Songs ähnelt. Selbst bei einer völligen Musik-Abstinenz, wirst du mit ihnen Kontakt kommen, sei es durch die Schlagzeilen, dein Twitter-Feed oder die Explore-Seite von Instagram. Dies macht es zunehmend schwieriger, diese Künstler zu ignorieren, besonders für den durchschnittlichen Konsumenten, der versucht, mit neuer Musik am Zahn der Zeit zu bleiben.

„?“ verkaufte während der ersten Woche 131.000 Album-Einheiten. Das ist der zweitgrößte Streaming-Umsatz für ein Album in diesem Jahr, nur die Migos mit Culture II verkauften mit 150.000 Einheiten in der ersten Woche mehr. Der Unterschied, zwischen den beiden ist, dass Migos als Teil des führenden Mainstream des Genres wahrgenommen wird, während X für den aufsässigen Underground steht – die Umsätze der Migos unterschreitet er aber nur knapp.

Die Verbreitung von positiven Botschaften, das Herunterfahren von Kontroversen ist ein Kalkül und es funktioniert. Sucht man Xs Namen auf sozialen Medien wie Twitter, sieht man eine positive Veränderung in der öffentlichen Wahrnehmung seiner Persona.

Es ist einfach, alles kritische Denken auszublenden, wenn man Musik hört und in den meisten Fällen ist das auch in Ordnung. Aber in diesem Fall sind die Anschuldigungen nicht zu entschuldigen. Die Künstler sind bekannte Täter und dieser Fakt sollte nicht außer Acht gelassen werden. 

Es ist schwer, die Kunst von den Künstlern zu trennen, wenn wir so viele Details über das persönliche Leben von Musikern kennen und die Musik scheint eine substantielle Reflexion dessen zu sein, wie sie im wirklichen Leben sind. Wie können wir beides voneinander trennen, wenn die Social Media Transparenz der Nährboden für viele Künstler ist, um ihren Fans das Gefühl von Nähe vorzugaukeln? Gute Musik zu machen, sollte nicht ausreichen, um jemanden zu entschuldigen der einer anderen Person oder Personengruppe das Leben zur Hölle gemacht hat. Die einzige Möglichkeit dieses Problem aktiv anzugehen, besteht darin, nicht mehr aktiv zuzuhören.