So half mir Kanye West die Abtreibung meines Kindes zu akzeptieren

Immer wieder ernte ich verständnislose Reaktionen, wenn Leute mich auf meine diversen Kanye West Tattoos ansprechen. Besonders das Symbol der Jungfrau Maria aus dem 13. Jahrhundert, welches Kanye als Cover für seine Single „All Day“ nutzte, führt immer wieder zu der gleichen Frage:

Was bedeutet das Zeichen und wofür steht das Datum?

So hing es stark von der Situation und dem Grad es Vertrauens meines Gegenüber ab, mit welcher Geschichte ich den 20.01.2015 ausschmückte. Doch mittlerweile ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich den Mut gefasst habe, mich ganz offen mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Kein angeblicher Autounfall, kein verstorbenes Haustier und auch nicht das Erscheinungsdatum eines Albums, dass so „Indie“ war, dass nicht mal ich es kannte.

Keiner dieser Ausflüchte, steht in irgendeiner Verbindung mit diesem Tattoo. Das besagte Datum ist auf die erzwungene Abtreibung meines Kindes zurückzuführen.

Bevor jedoch die ersten bösartigen Kommentare auf mich einprasseln, gesteht mir die Möglichkeit ein, euch die dazugehörige Vorgeschichte nahezubringen.

Meine damalige Freundin – nennen wir sie Lisa – und ich führten einst eine heimliche Beziehung. Über zwei Jahre lief dieses perfide Katz- und Maus-Spiel mit ihrer Familie, welche eine Beziehung mit einem Ausländer strikt ablehnte. Nur der kleinste Hinweis, welcher eine Beziehung oder die generelle Interaktion mit einem Mann bewiesen hätte, wäre der Auslöser für ernsthafte Schwierigkeiten gewesen – wir gingen dieses Risiko bewusst ein.

Nach einem Jahr, heimlicher Kurztreffen um 4 Uhr morgens, nahm das Desaster seinen Lauf. Nach dem zweiwöchigen Ausbleiben ihrer Periode, vereinbarte sie einen Termin bei ihrem Frauenarzt um sich Gewissheit zu verschaffen. Gegen 14 Uhr erreichte mich ihr Anruf, ihre heiser-verheulte Stimme war die Bestätigung des Worst-Case – Schwanger in der 8 Woche.

Fassungslosigkeit wandelte sich schnell in Wut um, nachdem wir unsere weiteren Schritte planten. Wir gingen alle möglichen Szenarien durch, doch in keinen dieser Ausführungen wäre ein gutes Leben für dieses Kind vorhergesehen. So ungeplant dieses Kind auch war, desto mehr wollten wir es haben. Sie mit ihren 19 Jahren und ich mit meinen 21 Jahren, ausgestattet mit so wenig Lebenserfahrung, hätten ein Kind auf der ständigen Flucht vor ihrer Familie großziehen müssen – Alternativen gab es schlichtweg nicht.

Dies war auch das ausschlaggebende Argument, welches uns zu folgender Entscheidung geführt hatte: Abtreibung. Ab diesem Punkt, schalteten sich jegliche Emotionen bei mir aus und ich versuchte nur noch für sie da zu sein – während sie mit heftigen emotionalen Ausbrüchen zu kämpfen hatte.

So organisierten wir die Kostenübernahme durch ihre Krankenkasse, welche über ihre Mutter lief. Wir, die bis dato noch nie mit diesem bürokratischen Apparat in Kontakt gekommen waren. Anschließend nahmen wir den Termin bei Pro Familia wahr, welche uns trotz unserer aussichtslosen Situation, doch noch davon überzeugen wollten, das Kind zu behalten. Es folgte das erste Vorgespräch mit dem durchführenden Arzt. Je näher das Datum kam, desto heftiger wurden ihre Ausbrüche – meine Emotionen waren wie ausgestorben.

Es bestand keinerlei Möglichkeit, sich mit jemand anderem über unsere Situation, unsere Emotionen und unser Verzweiflung auszutauschen. Meiner Mutter erzählte ich, dass Lisa sich einer kosmetischen Operation unterziehen würde. Dann war er da, der 20.01.2015, wir fuhren Richtung Klinikum, Lisa warf sich die verschrieben Tabletten ein, die sie für die „Durchführung“ gefügiger machen sollten. Es war der erste Tag seit langem, an dem sie nicht in Tränen ausbrach und relativ gefasst wirkte. In der Klinik angekommen, trafen uns auch schon die strafenden Blicke der jungen Arzthelferinnen, die genau wussten, weswegen wir heute da waren.

Der Eingriff dauerte keine 5 Minuten und die Arzthelferinnen riefen meinen Namen auf. Mit einem markerschütternden Schreien und Anfall-ähnlichen-heulen kam sie aus dem OP-Saal gefahren.

Sie haben mir mein Baby geklaut!

Schrie sie wie in Trance, durch die ganze Klinik. Ich versuchte alles Mögliche, um sie zu beruhigen aber sie war nicht mehr zu erreichen. Immer wieder schrie sie diese Worte, aus vollem Halse. Das Ärztepersonal benötigte 4 Beruhigungsspritzen um sie zumindest ein wenig zu besänftigen – aus purer Verzweiflung rief man den Chefarzt zu Rate. Spätabends schwörten wir uns dann, dass wir unter besseren Umständen, irgendwann ein Kind kriegen würden.

Wir spulen ein bisschen vorwärts, mittlerweile hatte sich Lisa von mir getrennt – was ihr gutes Recht war. Jedoch war es der Auslöser für den Tiefpunkt meines Lebens. Die Trennung löste auf einmal all die Emotionen aus, welche ich zuvor ausgeschaltet hatte, um für meine Ex-Freundin da zu sein. Diese Schuldgefühle trieben mich in den Wahnsinn, gepaart mit den Schmerzen der noch frischen Trennung.

Irgendwann platzte die innerliche Zeitbombe aus angestauten Emotionen und ich sah mich mit starken Depressionen konfrontiert. Es war ein sehr empathischer Polizist, der mich auflas, mir ins Gewissen redete und mir einige Alternativen aufzeigte. Von da aus ging es eine Woche in die Jugendpsychatrie, unter dem ständigen Einfluss starker Antidepressiva.

Leider bewirkte diese Umgebung das absolute Gegenteil ihrer eigentlichen Intention. Die Mitpatienten waren toxisch und die Medikamente ließen mich täglich 17 Stunden schlafen. Ich hatte kein Ziel im Leben und nichts mit dem ich mich beschäftigen konnte – das Internet wurde mithilfe eines Störsenders blockiert. Das einzige was mir blieb, waren all meine Kanye West Alben, die ich noch in meiner iTunes-Bibliothek gespeichert hatte.

„The Life of Pablo“ half mir dabei, die Ursache für meinen Absturz nicht bei anderen zu suchen. So machte ich meine Ex-Freundin bis zu diesem Zeitpunkt, für diese Krise verantwortlich. Auf dem Track „Real Friends“ heißt es:

I’m always blamin you, but what’s sad, you not the Problem.

„808 & Heartbreak“, ein Album welches den Hip-Hop veränderte, entstand auch aus einer persönlichen Krise. Kanye sah sich mit dem Tod seiner Mutter und der Trennung seiner langjährigen Freundin konfrontiert, als er das Album produzierte. Dieses Album war der Grund, weshalb ich wieder neuen Lebensmut fand. Was dieses Albums so inspirierend macht, ist die Tatsache, dass wir uns alle in diesem wiederfinden können – leidenschaftlich, motiviert und bereit dazu, alle Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden.

Das Thema „Heartbreak“ hat es vor dem altern bewahrt – ein Album welches mit seiner Thematik perfekt auf meine Zweifel, Ängste und Sorgen zugeschnitten war. Verschwunden war der Kanye, der mit einem Draht-durchzogenem Kiefer über den malerischen Verlauf von qualvollen Tragödien bis hin zum endgültigen Triumph rappte.

Das Album entwächst nie seinem zentralen Fokus – der Schwerpunkt auf das ausschütten seiner Seele, ist der Grund, warum sich das ganze Projekt wie eine absteigende Fahrstuhl Fahrt in die Tiefen seiner Seele anfühlt. Er distanzierte sich in keinster weise von der Dunkelheit, der Lethargie und der Grundton ist so schwarz wie die Mitternacht in Skandinavien.

Während einer Zeit, in der Kanye nicht wusste, was Realität ist, machte er ein Projekt, welches nur so von Realismus sprudelte, ja gar schon kochte. Es ist ein Alleinstellungsmerkmal, welches das Album immer relevant halten wird. Es überlebt den Zeit der Zahn, aufgrund von Herzschmerz, Verwundbarkeit und Ehrlichkeit. Dies war auch das ausschlaggebende Argument, mich offen mit dieser Episode aus meinem Leben auseinanderzusetzen.

Der Tiefpunkt seines Lebens, war die Grundlage für ein Projekt, welches in die Analen der Musikgeschichte eingegangen ist. 808 & Heartbreak, zeigte einen Mann, der sich weigerte, von einer Branche und dem Leben an sich unterdrückt zu werden.