Snapchat Fuckery: Der Beziehungsretter der Moderne

Was mache ich nur mit meinem Leben? Eine Frage die ich mir in den vergangen Wochen, immer wieder gestellt habe. Ursprünglich arbeitete ich an einen Artikel, welcher aufzeigen sollte, wie man Snapchat als Marketingtool nutzen kann – simple as that. Dieses Unterfangen entwickelte jedoch eine unvorhersehbare Eigendynamik, welche ich in den folgenden Zeilen ein wenig näher beleuchten möchte.

Bevor ich jedoch beginne, müsst ihr wissen, dass ich mein Handy vor dem trinken, immer an eine vertrauenswürdige Begleitung abgebe. Auch ohne den Einfluss von Alkohol, bin ich einer der vergesslichsten Menschen überhaupt. Zu oft war ich dazu gezwungen, mein Handy an den kuriosesten Fundstellen abzuholen – daraus habe ich mittlerweile gelernt.

An diesem einen Abend, hatte ich leider keine vertrauenswürdige Begleitperson in meiner Nähe. Ich sah mich zusammen mit einer Gruppe aus flüchtigen Bekannten und Fremden, jedoch wollte ich mein Handy in Sicherheit wissen. Ohne Sicherheitscode, händigte ich also dieses Stück Elektronik, welches mittlerweile mein ganzes Leben organisierte, an eine Person, welche ich nicht mal 2 Tage lang kannte.

Wie ihr sicherlich bereits bemerkt habt, bin ich ein Mann, welcher seine Entscheidungen wohlüberlegt tätigt. Ich zeichne mich durch das minutiöse abschätzen von Eventualitäten aus – weswegen ich die kommenden Ereignisse, problemlos voraussehen konnte.

Wir gehen zurück, zu dem besagten Abend. Mein Pegel schwankte mittlerweile zwischen Jenny Elvers beim Frühstücksfernsehen und David Hasselhoff beim Burger vertilgen. Ich fuhr meinen Organismus auf den rudimentären „atmen-zum-überleben“ Modus herunter. Der weilen machte sich die obig genannte Begleitung an meinen Handy zu schaffen – an meinen Snapchat Account, um genau zu sein.

Doch was könnte da groß schiefgehen? Meine öffentlich einsehbaren Snaps, beschränken sich zumeist auf Fotos/Videos von „leicht“ angeheiterten Leuten – also würde die Dokumentation dieses Abend, keinen großen Unterschied zu den vorherigen machen. Was diese nette Begleitung getan hat, geht jedoch ein wenig darüber hinaus.

Frohen Mutes stöberte sie durch die Liste, der von mir blockierten Personen – gespickt mit Ex-Partnern, unliebsamen Leuten und den ganzen anderen Dreck, der sich unter den Fingernägeln angesammelt hatte. Sie entblockte diese Personen, fügte sie hinzu und schickte ihnen Snaps von dem besagten Abend. Vergesst Heath Ledger in seiner Rolle als Joker. Diese Dame hatte mein persönliches Armageddon der Neuzeit hervorgerufen und das ganz bewusst.

Wir schreiben den nächsten Morgen. Nach 14 Stunden Schlaf, griff ich geistesgegenwärtig nach meinen Smartphone auf der Kommode – es war da! Rund 60 Snaps hatten mein führerloses Smartphone an dem gestrigen Abend ereilt – um einiges mehr als sonst. Leicht verdutzt öffnete ich die App und sah eine Vielzahl an Namen, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte oder sehen wollte. Das öffnen jedes einzelnen Snaps, glich einer digitalen Version von russisch Roulette. Jeder Snap, könnte mein letzter sein.

 

Ohne zu wissen, was der Kontext war, durchforstete ich die empfangenen Snaps. Größtenteils bestanden diese aus einem „ok“ oder einem obligatorischen „cool“. Irgendwann gelangte ich an einen Namen, der dezente Schweißausbrüche bei mir auslöste. Einst hatte ich eine sehre enge Beziehung mit dieser Person, wir waren nicht zusammen aber die einstige Bindung lässt sich durchaus, als sehr eng beschreiben.

Long Story short: Nach diversen, unglücklichen Fügungen, kurz bevor sich diese Beziehung intensivierte, trennten sich unsere Wege auf die abscheulichste Art und Weise. Die Schlammschlacht zwischen Paul McCartney und Heather Mills war ein Witz dagegen. Noch nie hatte ich mich so derart mit einer Person zerstritten, wie mit ihr. Unsere Kontakt bestand daraus, dass wir schlichtweg keinen hatten und dies auch nicht in Betracht zogen.

Umso mehr machte mir bevorstehender Snap Angst. Was hatte meine Begleitung ihr wohl zukommen lassen? Mit was für einer Hasstirade müsste ich wohl rechnen? Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf. Ich wartete lang, bis ich ihre Nachricht öffnete, mindestens zwei Tage.

Zögerlich tippte ich ihre Nachricht an. Es offenbarte sich mir ein freundlich gestimmtes Selfie mit der Bildunterschrift:

Hey, alles gut 🙂 Dazu gehören immer zwei Personen

Es war nicht die erste Nachricht mit solch einer Aussage. Schlussfolgernd daraus, müssten die verschickten Snaps von „mir“ mit einer Art Entschuldigung gespickt gewesen sein – oder einem schlichten Sorry, ich kann nur spekulieren.

Die folgende Woche schickten wir uns gegenseitig diverse Bilder. Nichts wesentliches, meistens situationsbedingte Bilder, die keinerlei Gefühle offenbaren. Es fühlte sich irgendwie komisch an, da wir zuvor nie Bilder ausgetauscht hatten, nicht mal als wir noch eine recht enge Beziehung hatten.

In einer andere Nacht, ereilte mich ein Snap von ihr um 3 Uhr morgens. Es war ein Bild von ihr, mit der Bildunterschrift „komm vorbei habibi“. Aufgrund der Uhrzeit und dem halb verschwommen Bild, ging ich davon aus, dass dieser Snap im Suff entstand und antwortete nicht darauf. Am Morgen darauf, erhielt ich recht zeitig eine Textnachricht von ihr, in welcher sie mich dazu einlud, mit ihrer Freundin eine Galerie zu besuchen, wenn ich das nächste mal in Berlin sei.

Mit ihrer Freundin? In all den Monaten, in denen wir noch gut miteinander waren, hatte ich nicht einen ihrer Freunde kennengelernt und umgekehrt. Etwas hatte sich geändert, zum besseren anscheinend und ich führte es auf Snapchat zurück.

Noch heute kann ich mir nicht ganz erklären, wie zwei Wochen intensiver Snapchataustausch, solch schwerwiegende Differenzen aus der Welt schaffen konnten. Aber sie haben es getan.

Meine Vermutung ist jedoch die Vermenschlichung der Nachrichten. Ein Gesicht hinter der Nachricht zusehen, macht es um einiges intimer und verringert die Wahrscheinlichkeit von Fehlinterpretation. Es ist nicht nur eine stumpfe Textblase, komplett losgelöst von Mimik. Auch die Vergänglichkeit der Bilder sind meiner Meinung nach, ein entscheidender Faktor. Bei dem ganzen Bullshit, den ich teilweise verschicke, bin ich froh, dass dieser nur maximal 10 Sekunden von meinem Gegenüber gesehen werden kann.

Wer hätte gedacht, dass Snapchat die Funktion des Streitschlichters auf dem Pausenhof einnehmen könnte?