Send Nudes (oder auch nicht)

Es war mal wieder einer dieser unbeschwerten Abenden. Wir befinden uns im dritten Stockwerk einer Altbauwohnung im Stile des Gelsenkirchener Barrock, in Berlin Friedrichshain. Das Wohnzimmer gefüllt mit Bekannten, Fremden aber auch zugleich Freunden. Es hat sich zu einer gewissen Regelmäßigkeit entwickelt, mit einer großen Gruppe für mich Unbekannten, das vortrinken für den Abend zu gestalten. Die Stimmung ist ausgelassen, aus den Boxen nuschelt ein von Autotune durchzogener Travi$ Scott und die das feuchtfröhliche konsumieren von Spirituosen nahm seinen lauf.

Nur Flora, eine 20-jährige Jura Studentin, hing abseits des Geschehens in der Küche ab – vertieft in ihr Smartphone. Ein Typ, auf den sie schon länger ein Auge geworfen hatte, war über das Wochenende in der Stadt. Durch den Alkohol getrieben, entschloss sie sich dazu, ihm das perfekte „Nippelblitzer“ Selfie zukommen zulassen. Minutiös hantierte sie mit ihrem Smartphone, um das ideale Verhältnis zwischen Schatten und Licht einzufangen.

Ich behielt diese heimliche Beobachtung stillschweigend für mich. Auf dem Weg zum Club, setzten wir uns ein wenig von der Gruppe ab und Flora zeigte mir stolz, ihr Objekt der Begierde. Darf ich vorstellen: Jan, der 21-jährige Vorzeige Alman, welcher uns mit glatt rasierter Brust und Münzmallorca-Bräune auf den Bildern entgegen lächelte. Sie erzählte mir, dass ihre Konversationen einem simplen Skript folgen würden: Einer würde ein Foto von sich schicken und der andere würde bewerten, wie heiß dieses Bild aussah und gegebenenfalls eins zurückschicken. Eine sehr obskure Art der Kommunikation.

Erst im Laufe der Woche wurde mir die Intention dieser Art des Fototausches geläufig. Dies offenbarte sich mir am Wochenende, als der Flirt zwischen den beiden wieder zu entfachen schien. Die Begründung für ihr schnelles Verschwinden vor dem Clubbesuch begründete sie am folgenden Morgen wie folgt:

Es war ein Selfie mit einer ganz bestimmten Intention. So ein Bild, bei dem du genau weisst, dass er 10 bis 15 Anläufe dafür gebraucht hatte, damit es so wird wie es ist. Was soll ich da machen?

Als ich sie später noch einmal darauf ansprach, sagte sie, dass das verschicken von solch verführerischen Fotos ein ganz normaler Bestandteil ihres Kommunikations-Repertoires sei. Sie sich die expliziten Sachen jedoch für „die“ bestimmte Person aufbewahrt.

Als ich das hörte, spürte ich mein Alter wie noch nie zuvor. Versteht mich nicht falsch, mit meinen 3 Jahren mehr auf dem Buckel, möchte ich gewiss nicht die „früher war alles besser“ Keule rausholen. Texte, MSN-Messenger und bedauerliche Late-Night-Schülerverzeichnis-Nachrichten waren nachdem Abgang der Sekundarstufe, ein unentbehrlicher Teil für mich, um Frauen kennen zulernen. Jedoch war mir diese Selbstverständlichkeit ein wenig befremdlich. Vielleicht mögen meine Ansichten in dieser Hinsicht ein wenig konservativ sein aber Nudes erhielt und forderte ich nur in gefestigten Beziehungen – nennt mich den Ehrenmann der Moderne.

Das Internet ist überseht mit den nackten Körperteilen von hochkarätigen Stars wie Kim Kardashians weißen-Badeanzug-Selfie bis hin zu Anthonys Weiners Vorliebe für das versenden von Abbildungen seiner ausgebeulten Unterwäsche. Eine in 2014 veröffentlichte Studie von A. S. Bellack, deckte auf, dass im Gegensatz der öffentlichen Wahrnehmung, dass Sexting eher von Erwachsenen als von Teenagern betrieben wird. Eine andere in 2014 veröffentlichte Studie von McAfee (das Anti-Viren Programm, was man sich immer irgendwie aus Versehen herunterlädt), behauptet das die Altersgruppe 18 bis 24 die mit am aktivste ist. Rund 70% der Befragten, hätten mindestens ein Nudie verschickt oder erhalten.

Das verschicken von Nudes ist also relativ altersunabhängig. Was ist also der Unterscheid zwischen einer Person, die Nudies verschickt und empfängt und einer Person, die dies nicht tut? In welchen Situationen werden Nudes angewandt und wie endet das Ganze?

Dazu habe ich in meinem Bekanntenkreis mal ein wenig nachgeforscht. Die Namen, wurden auf Wunsch verändert.

Das versenden von Nudes begann für Lisa, eine 24-jährige Mediendesignerin aus Berlin mit einer Fernbeziehung. Ihr Freund zog nach München, Nudes waren ein Weg, um mit ihm im Kontakt zu bleiben und das auf die buchstäbliche Art und Weise. „Es war, als hätten wir Sex. Wie eine Art Vorspiel, wenn wir uns wirklich mal trafen“ erklärte sie. Nach dem dahinscheiden der Beziehung, fotografierte sie immer wieder in Form von akribisch kunstgesteuerten Selbstporträts ihren Körper, in verschiedenen Entkleidungszuständen. Wir saßen in ihrer Wohnung in Schöneberg und während sie Nudies auf die literarisch wertvollste Art und Weise beschrieb, griff sie nach einem Plastikbehälter unter dem Bett. Dieser enthielt neben Skizzen und Anhängern auch eine Vielzahl an gemalten Torsos und Nippeln.

Manchmal male ich meine Nudies sogar.

Marie, eine 22-jährige Kauffrau für Marketingkommunikation, hat laut eigener Aussage noch nie ein Nudie verschickt. Sie meinte, dass wenn es um ein Treffen geht, ein komplett angezogenes Selfie die gleiche Wirksamkeit hätte wie ein Nudie.

Am Donnerstag hing ich im Fragrances ab und der Typ mit dem ich schrieb meinte so was wie „Ich weiss nicht, ob ich das heute noch schaffe. Sorry“. Ich schickte ihm ein Selfie von mir und er war innerhalb 30 Minuten da.

Es ist schwer zusagen wo ein Selfie endet und wo ein Nudie beginnt, vor allem, wenn beides dazu verwendet werden kann, Leute zu manipulieren. Auch Nudies sind wie Bilder auf Instagram, die wir mit unseren Freunden teilen, mit einer gewissen Erwartungshaltung verbunden. Sie fordern praktisch eine Reaktion seitens des Empfängers, sei es ein Kompliment oder ein spontaner besuch Spätabends. Jedoch scheint unser Umgang mit Nudies mehr über uns zu verraten als das nackte Abbild an sich.

Während Lisa mir erzählte, dass sie gerne die Kontrolle über den Verlauf des Gesprächs behalte, indem sie den Nude-Marathon eröffnete, sieht ihre Freundin Aida das anders. Aida eine 23-jährige Mode-Studentin, würde niemals ungefragt von sich aus Nacktbilder verschicken. Sie mag das Gefühl umgarnt zu werden, diese Art von Macht und in der Lage zu sein, jemanden einen Wunsch erfüllen zu können.

Kalil, ein 25-jähriger Veranstaltungskaufmann, sieht den Anreiz eher im Erfragen der Bilder. Es wäre dieser kurze Nervenkitzel, bevor man auf „Senden“ drückt und dann das abwarten einer Antwort, was extrem nervenaufreibend sei.

Es ist ja nicht so, als würde ich immer wieder das Bild aufrufen. Es ist der Moment, in dem ich es bekommen habe. Das ist so nen Besitzer Ding, weisst du?

Besonders der Nervenkitzel beim versenden von Nacktfotos in der Nähe von Fremden sei ein ganz spezieller Anreiz. So habe er vor kurzem Nudes von einer ehemaligen Kollegin zugeschickt bekommen, nachdem sie zusammen an einem Projekt gearbeitet haben.

Lucas, 19 Jahre alt und Musiker unterteilt die Intention des Nudes verschicken in zwei Varianten. Erste Variante ist der Dirtytalk, in dem man seinem Gegenüber auf eloquente Art und Weise vermittelt, dass man mit ihm schlafen möchte.

Gerade Snapchat hat enorm zu dieser Kultur beigetragen. Die vorgegaukelte Sicherheit, dass man ne Notification erhält, wenn jemand einen Screenshot macht – denken die eh, dass kann niemand fotografisch festhalten. Das ich ein zweites Handy besitze, kann natürlich niemand ahnen.

Die zweite Variante ist der verzweifelte Schrei nach Aufmerksamkeit – welcher eher selten aber ab und zu mal zum tragen kommt.

Ein anderer wichtiger Bestandteil beim verschicken von Nacktbildern ist das Element des Risikos. Sei es das ungewollte öffnen seitens des Empfängers in Gesellschaft oder die Veröffentlichung der Bilder im Internet – einsehbar für jedermann. Du musst jedoch kein Opfer einer Porn-Revenge Seite sein, um einen Herzstillstand am eigenen Leib erfahren zu können. In gewisser Hinsicht ist das Aussprechen deines Verlangens mindestens genauso viel Nervenkitzel, wie das folgende Bild an sich.

Während wir einen Großteil unseres Lebens online verbringen, ist es unvermeidlich, dass wir einige schwerwiegende Konversationen via Messenger abhalten. Jedoch entsteht das Problem darin, wenn wir anfangen die Distanz als Ausrede zu nutzen, um zu vermeiden, diese Diskussionen in ihrer absoluten Vollständigkeit aus zutragen – wir neigen dazu, nur die bestmögliche Version von uns selbst zu präsentieren, blind hoffend, dass wir damit allen Differenzen aus dem Weg gehen können.

Mit anderen Worten: Je nach der Art und Weise, wie wir sie benutzen, können Nudes genauso ein Mittel zum Zweck sein, uns anderen Menschen zu präsentieren, um sie davon abzuhalten, uns wirklich zu sehen. An einem Punkt in meinem Gespräch mit Flora führte mich zu der Erkenntnis, dass es niemandem schaden würde, jemanden im wirklichen Leben zu treffen, die Chemie auszutesten um dann jegliche Nuancen des Körpers selber abzutasten. Ihr Handybildschirm erleuchtete aufgrund einer Snapchat-Notification, sie hob es auf und runzelte die Stirn: „Aber geht das überhaupt noch?“