Jaden Smiths Kreativität badet in Fremdschäm-Zeilen auf „SYRE“

Jaden Smith sagte einmal, er halte es für eine Art Auszeichnung, als „verrückt“ bezeichnet zu werden. Es war seine Art, die pseudo-philosophische Phrasendrescherei auf seinem Twitter-Feed zu erklären – eine Mischung aus FAZ Kommentar-Sektion und der Reichsbürgerbewegung. In einem Interview mit der New York Times aus dem Jahr 2014, skizzierte Smith seine fragwürdigen Ideen von Prana-Energie, Existenz der Zeit und das Finden eines höheren Bewusstseins. Er ist Schauspieler, Modedesigner, Anteilseigner eines Anbieters von abgefülltem Wasser und Rapper, dessen Vorbilder Kanye West und der Tech-Milliardär Elon Musk sind.

In seiner Musik und in seiner öffentlichen Darstellung gibt er sich exhibitionistisch und scherzhaft. Sei es die Hochzeit von Kanye West, auf dem er sich mit einem maßgeschneiderten, weißen Batman-Kostüm präsentierte oder das herumtragen seiner abgeschnitten Dreadlocks als Accessoire.

Seitdem Smith eine Person des öffentlichen Interesses repräsentiert, führt er einen nervenaufreibenden Seiltanz, auf einer hauchdünnen Schnur, welche Absurdität und das Abbild eines ernst zunehmenden Künstlers voneinander trennt. Zu gewollt wirken die Versuche, missverstanden zu werden und ähneln im Ansatz, der Machart eines Uwe Bolls oder eines John Waters. Dennoch oder gerade deswegen möchte Smith, dass seine Kunst die Anerkennung erhält, die sie verdient hat. Sein Debütalbum SYRE bezeichnet er als revolutionären Liebesbrief an die Welt. Der Stein von Rosetta in Audioform, welcher nur von Menschen aus der Zukunft verstanden werden kann.

All die sophistischen Ideen, Ansätze und Vorstellungen, mit denen Smith sich schmückt, sind auch auf SYRE präsent. Das Album beginnt er mit einer Erzählung über die biblische Schöpfungsgeschichte, verweist auf den Mythos von Ikarus und erzählt von der korrupten Exekutiven, während er seine Sorgen in einem Club ertränkt. Erstes positives Fazit: Jaden hat eine angenehme Erzählerstimme – young Morgan Freeman in the making.

Der Track „B“ ist der erste Teil des vierteiligen Songs „BLUE“. Auf dem Track predigt seine Schwester Willow über die Erschaffung des Menschen und verweist auf das weitreichende Machtgefüge eines Medikamentenherstellers. Xylophon-Geklimper trifft auf Kirchenchöre, explosionsartige E-Gitarren verschmelzen mit kolossalen Drums, während Smith mit seinen Hatern abrechnet und versucht die Wogen mit seiner Ex (Sarah Snyder) zu glätten. Es ist unglaublich und traurig zugleich: Die Produktion von Lido kommt erfrischend daher, während Jaden musikalische Lieferung nichts Ganzes und nichts Halbes ist.

Auf dem nächsten Track „L“ rappt er: “Girl I’m Martin Luther, Martin Luther King/Life is hard, I’m Kamasutra-ing”. Das erste Gefühl von Fremdscham macht sich bemerkbar. Auf „U“ übertrifft er sich noch einmal selbst und liefert die zweitpeinlichste Line des Jahres: “Man I’m artichokin’/I can’t breathe, that’s the art of chokin”. Die Fremdschäm-Line des Jahres, folgt ein paar Lieder später auf dem Track „Hope“ und wirkt schon fast schockierend: “Look, Fahrenheit 451/Building seven wasn’t hit and there’s more shit to come/The Pentagon is on a run”. Zeilen, die von einem Flat-Earthler hätten kommen können. Zugleich sind sie Zeugnis von Smiths sorgloser Herangehensweise an das Album.

Als positiv und aufmunternd ist die zerklüftete Gestaltung der Songs zu bezeichnen. Smith weigert sich, still zu stehen und wechselt von Ton zu Ton: Trap, Stadionrock, John Mayer-artige Akustikgitarren und behutsame Erzählungen können alle im Rahmen eines einzigen Songs erscheinen.

Als primäre Einflüsse für das Album bezeichnete er Frank Oceans Blonde und Wests The Life of Pablo, was mehr über seinen fehlgeleiteten Ehrgeiz, als über den tatsächliche Klang und Inhalt des Albums aussagt. Die Beats wurden größtenteils von dem norwegischen Rapper Lido und den Mitgliedern des MSFTsrep-Kollektiv beigesteuert. Ein Kollektiv, das sich laut Smiths Worten, der Unterstützung und Erweckung der Bevölkerung des Planeten Erde widmet. Das Album klingt qualitativ hochwertig produziert, so wie es für ein Album üblich sein sollte, welches drei Jahre für die Entstehung benötigte. Während das Album einige musikalische Highlights vorzuweisen hat- wie das 8-Bit-Ambiente des von Ricky Eat Acid produzierten Titeltracks Syre – sucht das Album ständig nach einer Stimme, welche sie nicht zu finden vermag.

Seine Texte wirken unausgereift und beleidigend für die eigene Intelligenz. Er streift durch eine Welt von exklusiven Clubs (“I’m at the SOHO House/If you wanna come through”), Verschwörungstheorien („The Illuminati’s real, that’s the deal“) und ungebildeten Lebensweisheiten, auf eine Art und Weise, die so kunstlos ist, dass sie eine ganz eigene Art von Performancekunst darstellt. Eine Stunde in Smiths Welt zu verbringen, bedeutet, sich einer paranoiden Fantasie zu unterwerfen, welche die Grundzüge der New-Age-Religiosität mit einer apokalyptischen Rhetorik vermischt. Wenn du dich für so etwas interessierst, bist du besser damit beraten, dir einen kaltgepressten Orangensaft bereitzustellen und einen Dr. Axel Stoll YouTube-Marathon zu starten. Klang technisch hui, textlich pfui.