Post Malone und Rae Sremmurd geben den Ton an

Erinnerst du dich noch an das Album? Es gab einmal eine Zeit, in der es eine ungefähre Struktur und Bedeutung hatte: eine Ansammlung von Liedern mit einem erzählerischen Spannungsbogen oder eine Reihe an Tracks, die einen Künstler zeichneten, der sich an verschiedenen Themen und Stilen versuchte. Das Endprodukt eines mühsamen Aufstiegs zur Selbstverwirklichung.

Es war die Zeit, vor der Streaming-Ära, damals, als das Album die dominierende Konsumeinheit innerhalb des Musik-Kosmos war. Die dahinschwindende Vormachtstellung des Albums lässt sich auf die Einführung der Shuffle-Funktion von iTunes und dem iPod zurückführen. In der aktuellen Musikökonomie, in der Spotify, Apple Music und andere Streamingdienste den Ton angeben, ist das strukturelle Konzept des Albums weitestgehend bedeutungslos geworden.

Vor allem im Hip-Hop entwickelte sich das Album zu einem audiovisuellen Datensatz. Es bildete nicht mehr eine komplette und eigenständige Reise mit Anfang und Ende, sondern einen dynamischen Mix, der dazu gedacht ist, die Zuhörer passiv zu halten, in der Hoffnung, dass sie niemals den „Pause“-Button betätigen würden.

Post Malone und Rae Sremmurd wurden für diese Ära gemacht oder diese Ära wurde durch sie geschaffen – such es dir aus. Ihre letzten Alben „Beerbongs & Bentleys“, Post Malones zweites und Rae Sremmurds dritte Studio-Veröffentlichung „Sr3mm“, sind für den maximalen Konsum ausgelegt. Es sind Alben, die unter der Definition von künstlerisches Schaffen mit Absatzgarantie, geführt werden. „Beerbongs & Bentleys“ debütierte in den Billboard Chart auf Platz 1 mit 431 Millionen streams in der ersten Woche, eine neu erreichte Bestmarke. 

Wir bewegen uns in der impressionistischen Ära des Hip-Hops, gekennzeichnet durch die zeitgemäße Darstellung von flüchtigen Momentaufnahmen. Post Malone lässt sich als König dieser Momentaufnahmen bezeichnen, welcher nach seiner Debütsingle „White Iverson“ (2015) oft als One-Hit-Wonder verunglimpft wurde.

Sein in 2016 veröffentlichtes Debütalbum „Stoney“, war ein Erfolg, büßte aber durch seine klare Genre-Definition einiges an Umsatz-Potential ein. Post Malone operiert an der Schnittstelle von Hip-Hop, Rock, Soul und sogar ein wenig Country. Er bildet die Sollbruchstelle zwischen Taylor Swift und 21 Savage, für eine breites, meist weißes Publikum an Zuhörern.

Während „Stoney“ noch eine Auswahl an ernsthafteren und künstlerischen Ansätzen aufzeigte, übergeht „Beerbongs & Bentleys“ dies größtenteils. Es ist ein subversives Hörerlebnis. Als Sänger zeichnet sich Post Malone durch verschwommene Silbentrennung und perfekt konditionierte Melodien aus, die zum Einlullen konzipiert sind. Geistig nebulös, mit einem lebhaften Wechsel an Emotionen, in dem sich Proletentum und Wehmut abwechselnd die Klinke in die Hand geben, schreitet er an der Grenze des Borderlines.

Diese Melancholie ist der neue Dream-Pop und Post Malone hat mit Louis Bell und Frank Dukes gleichgesinnte gefunden, welche mit düsteren Synths und langsameren Tempo, noch einmal eine andere Nuance des Genres offerieren. Zuweilen nähert sich die Produktion den spirituellen Ansätzen der New Age aus den 70er Jahren und bedient sich an allerlei Tricks die eine Art von Hypnose anregen soll. 

Die Verschiebung des Genres Hip-Hop in diese Richtung war abzusehen, von Futures violettem Opiat-Nebel bis hin zu Travis Scott verzerrten und übersteuerten Klangbild. Sie fügen sich perfekt in Streamingdienste und Playlists ein, welche konsumorientiert sind und keinerlei Abhängigkeit von künstlerischer Struktur haben. Es ist einer der Gründe, warum die Länge der Hip-Hop Alben immer weiter expandiert. Es ist auch Grund dafür, dass „Sr3mm“ so zusammengestellt ist, wie es ist: eine Zusammenstellung von drei Alben in einem – eines für jeden Künstler (Swae Lee und Slim Jxmmi) und eines, auf dem das Duo gemeinsam vertreten ist. 

Es überrascht nicht, dass Swae Lees Soloalbum „Swaeaction“ das meist gestreamte Album der drei ist. Manchmal erinnert es ein wenig an den soften RnB aus den frühen 80ern, obwohl er des Öfteren mit ekstatischen Synths experimentiert. Im Gegensatz dazu ist Slim Jxmmis Soloalbum „Jxmtro“ ein eher konventionelles zeitgenössisches Hip-Hop-Album, lebhaft und locker.

„Sr3mm“ ist lang und wurde nicht dafür entwickelt, es in einem Zug durch zuhören. Es will zerlegt und selektiert werden, um als Begleiter diverser Playlists zu dienen. Dieser Zustand ist ein Abbild dessen, was in den letzten Jahren in Atlanta passierte. Dank einer Fülle von Veröffentlichungen und expansiven Kollaborationen ist das Album immer dezentrierter geworden und ist für Künstler wie Migos, Lil Yachty oder Young Thug das Ticket für eine Platzierung in Spotifys Rap Caviar Playlist.

Im Ursprung ist dies auf Gucci Manes, Lil Waynes oder Futures Mixtape-Übersättigung vor Jahren zurückzuführen, jedoch ist der aktuelle Sound und Ansatz weniger auf einen individuellen Personenkult angewiesen und konzentriert sich mehr auf eine Szenenweite Einhaltung eines bestimmten Trap-Sounds und einer Handvoll ungewöhnlicher Flow-Muster.

In dieser Welt sind Album-Veröffentlichungen nur Vorwände oder besser gesagt: Album-Veröffentlichungen sind das, was für die Erfüllung der Verpflichtungen der Plattenfirma erforderlich ist. Da Alben aber immer mehr an ihrem zentralen Fokus verlieren, tun dies auch die Künstler selbst, die nun im Dienste einer übergeordneten und basslastigen Sound-Ära existieren. 

Diese Anpassung wird entsprechend belohnt. Jedoch ist der Erfolg in den Billboard-Album-Charts, kein wirklicher Indikator für den Verkauf von Alben, sondern ein Zeugnis von effektiven Datenfluss. Ein Datenfluss der sich eine essentielle Frage stellen muss: wie leicht sind die einzelnen Songs in Playlists zu integrieren?

Avantgardistische oder eigentümliche Elemente werden immer mehr gemieden, was zu Folge hat, dass Persönlichkeiten immer irrelevanter werden. Was hat dies bedeuten hat? Rückblickend wirst du dich nicht an eine Reihe von Ikonen und Künstlern zurückerinnern, sondern an einen Moment, der so lang anhielt bis er verpuffte und jeden mit sich riss.