Portrait Tekashi 6ix9ine: Eine Frage der Provokation

Unabhängig was du von ihm denken magst, ist es nicht zu leugnen, dass Daniel Hernandez die Kunst beherrscht, zu popularisieren. Hernandez, der unter dem Synonym 6ix9ine rappt, differenziert bei dem Auslösen von Reaktionen nicht zwischen Ablehnung oder Zustimmung. Es spielt keine Rolle, ob du ihn nicht leiden kannst, da er Negativität begrüßt; für ihn zählt nur die Tatsache, dass er wahrgenommen wird. Sein Debüt-Mixtape DAY69, markiert den Höhepunkt seines kometenhaften Aufstiegs und einer Ästhetik, die von einer zielgerichteten Suche nach sofortigen Reaktionen getrieben ist.

Besagte Ästhetik zieht sich wie ein roter Faden durch Hernandez Lebenslauf. Die aufreibende und aggressive Ausdrucksform gepaart mit simplen Bewegtbildern war schon immer seine Visitenkarte. Sequenzen aus Videospielen skizzierten die offensichtlichen Inspirationsquellen hinter der Persona 6ix9ine. Animes prägten die Namensgebung so wie die visuelle Präsenz gleichermaßen: frühere Lieder trugen Titel wie „Yokai“, „Shinigami“ oder „Hellsing Station“ und wurden meist mit fortlaufenden Animationen hinterlegt. Diese Anime-Affinität spiegelte sich auch in dem Cover von DAY69 wider, welches den Stil der Cartoon-Serie Adventure Time aufgreift.

Impulsive Energie und fiktive Charaktere sind nicht die einzigen Dinge, für die Hernandez eine Passion entwickelt hat. Was ihm an lyrischer Tiefe fehlte, wog er mit grenzübergreifenden Marketing wieder auf. Lang bevor er in den Staaten eine Gefolgschaft hatte, baute er sich eine in der Slowakei auf, wo er mit einem Plattenlabel namens „FCK THEM“ in Verbindung stand. Auf dem YouTube-Kanal dieses Labels wurden viele der früheren Videos von 6ix9ine veröffentlicht, darunter das Video zu „POLES1469“ – ein Song mit dem aufstrebenden Ohio-Rap-Sänger Trippie Redd.

Das farbenfrohe Video zu Poles1469 markierte den ersten kommerziellen Erfolg von 6ix9ine und etablierte zeitgleich seine regenbogenfarbenen Haare als inoffizielles Markenzeichen. Sein unaufhörliches Streben nach Aufmerksamkeit, beschränkte sich jedoch nicht nur auf sein Online-Verhalten. Ob alphabetisch oder numerisch, breiteten sich 69 Tattoos über seinen ganzen Oberörper aus, wie eine tropische Krankheit. Als er im Oktober das Video zu „GUMMO“ veröffentlichte, hatten sie sein Gesicht erreicht. Die gotische 69 trumpfte über seiner rechten Augenbraue, ein rotes Bandana zierte seinen Kopf und ein Dutzend Bloods komplementierte das schlichte Video.

Die Zahlen sprechen für sich: GUMMO generierte über 144 Millionen Aufrufe auf Youtube, hielt über längere Zeit den ersten Platz in den SoundCloud-Charts und erklomm Platz 12 in den Billboard Top 100. Die Nachfolger Singles „KOODA“ und „KEKE“ ließen Kritiker-Stimmen verstummen, welche GUMMO als One-Hit-Wonder betitelt hatten. Der Erfolg dieser drei Singles, festigte die Vorfreude innerhalb seiner Gefolgschaft auf DAY69 und ließ 6ix9ines Behauptungen im Bezug auf Multimillionen-Dollar-Plattenverträgen, zumindest nicht ganz unglaubhaft klingen.

Immer wieder sieht sich 6ix9ine als Mittelpunkt einer ermüdenden Debatte über die Qualität der derzeitigen Rap-Generation und entfacht diese bewusst durch sein extravagantes Erscheinungsbild. Seine größte Angriffsfläche ist jedoch das Schuldbekenntnis bei der „Mitwirkung an pornografischen Darbietungen und die Vornahme sexueller Handlungen mit einem Kind“ im Jahre 2014. Der Vorfall, in dem Hernández, damals 18 Jahre alt, ein 13-jähriges Mädchen an intimen Körperstellen berührte, ist ethisch indiskutabel und ist ein Abbild der immerwährenden Suche nach Aufmerksamkeit auf Kosten der Moral. Grenzüberschreitung ist das Zentrum seiner Ästhetik. So ist es nicht verwunderlich, dass er das Video, welches den Vorfall dokumentierte auf Instagram veröffentlichte und sich in dem darauffolgenden Video als „glücklichen Vergewaltiger“ bezeichnete.

DAY69 bietet „Inhalte“ in der Länge von 27 Minuten und wird nur wenig dazu beitragen, die Sintflut an Kontroversen rund um den Künstler einzudämmen. Drei der elf Tracks sind vorab veröffentlichte Singles. Zusätzliches Füllmaterial ist ein Remix von „GUMMO“ mit einem lustlosen Gastbeitrag von Offset und die restlichen sieben Tracks, obwohl kraftvoll und teils eingängig, wiederholen die gleiche Formel: Energie geladene Ausbrüche von Prahlerei gepaart mit monotonen Textpassagen.

Trotz seiner limitierten Fähigkeiten ist Hernandez ein kompetenter Rapper in einer Nische, die er selbst hervorgerufen hat. Er ist schlau genug diese Nische unabdinglich zu bedienen und diese nicht zu verlassen. Melodische Herausforderungen oder Gesang bleiben den Feature-Gästen überlassen: Young Thug, A Boogie wit da Hoodie oder Tory Lanez stellen lediglich den erfrischenden Beilagensalat zum überdrüssigen KFC-Familien-Bucket dar. DAY69 zeichnet einen Künstler, der alles geopfert hat und es sich nicht leisten kann, diese Entscheidung zu überdenken.

Als solches ist es auch ein Beweis dafür, wie schnell er sich selbst in eine Schublade manövriert hat. Die Kehrseite von aggressiver Lautstärke ist Taubheit; in der Abstinenz einer Produktion, die den Flow von 69 abfedert, wirkt er schnell eintönig. Wie die Remix-Versuche von Offset und Lil Wayne gezeigt haben, war der „GUMMO“ Beat perfekt für 6ix9ine und niemanden sonst: bunt und wohlklingend, bot er den idealen Kontrast zu seiner Stimme. Dieser Beat, ebenso wie der für „POLES1469“, wurde von Pi’erre Bourne produziert, und da Bourne nach den Enthüllungen rund um sein sexuelles Fehlverhalten nicht mehr mit ihm arbeiten wird, sind Hernandez praktisch die Hände gebunden; keine andere Art von Produktion bildet eine bessere Symbiose als die von Bourne. Sollte er nicht jemand anders finden, dessen Produktion ihn derart gut zuspielt, wird 6ix9ine Karriere schneller enden als sie begonnen hat. Eine still dahinscheidende Karriere vergleichbar mit der Schokopizza von Dr. Oetker – welcher man zumindest so etwas wie Geschmack attestieren könnte.