Migos Culture II ist verschwendeter Speicherplatz

Das Rapgeschäft ist versaut und Young Money Entertainment trägt eine Mitschuld daran. Angefangen mit Lil Waynes Fließband ähnlichen Output an Mixtapes in den frühen 2000er Jahren bis hin zu Drakes späteren Erkenntnis, dass die RIAA 10 Song Downloads als vollständigen Album Download anerkennt. Drake antwortete mit 20 Tracks auf Views und steigerte sich nochmals mit 24 Tracks auf More Life. Lil Waynes Ansatz war gleichermaßen simple und effektiv: das Bereitstellen von kostenloser Musik, ist der erfolgreichste Weg um Reichweite zu generieren und gehört zu werden. Eine etablierte Vorgehensweise, die schon seit Anbeginn des Genres von Rappern zu Promotion-Zwecken genutzt wurde.

Drakes Erfolgsformel rückt jedoch erst seit kurzem, immer mehr in den Fokus und zieht sich seit dem wie ein roter Faden durch die neusten Hip-Hop Veröffentlichungen. Mike Will Made It hatte vor kurzem angekündigt, dass das nächste Rae Sremmurd-Projekt ein Triple-Album wird, bestehend jeweils aus einem Solo-Album der beiden Brüder so wie das finale Projekt, auf denen beide zuhören sein werden. Die letzten beiden Srem-Projekte waren jeweils 11 Tracks lang. Das neue Album von Migos Culture II ist ungefähr so lang wie Tarantinos Reservoir Dogs.

Diese Vorgehensweise ist nicht neu und kann auf eine unrühmliche Vergangenheit zurückschauen. In den späten 90ern, nach den bahnbrechenden Doppelalben von 2Pac und Biggie, All Eyez on Me und Life After Death, begannen Mainstream-Rapper, einzelne Alben zu machen, welche die Speicherkapazitäten von CDs bis zum Maximum ausnutzten. Ein kurzweiliger Trend, welcher weder bei Labels oder den Fans Anklang fand.

Die Entscheidung von Billboard, Streaming-Zahlen, Chart und Platin relevant zu machen und somit die Erfolgsmetrik weg vom alten „Hard-Sales“ Gerüst in ein SoundCloud-ähnliches „Streaming“ Modell zu verwandeln, war eine Rap förderliche Entscheidung. Die junge Zuhörerschaft des Genres adaptierte im Vergleich zu anderen Genres am besten in den Streaming-Zyklus und verhalf somit diversen Rap-Singles an die Spitze der Charts. Es ist schwer vorstellbar, dass Rae Sremmurd, Future oder die Migos ihren ersten Nummer eins Hit, ohne Plattformübergreifende Streamingdienste erzielt hätten. In einer Zeit, in der Streams mehr Gewicht als physische Käufe haben, arbeiten Rapper daran, diese Zahlen künstlich zu steigern.

Culture II des Georgia Rap Trios Migos fühlt sich wie das erste Artefakt der Billboard Charts an. Es ist ungefähr doppelt so lang wie der Vorgänger und nimmt in etwa genau so viel Zeit in Anspruch, wie der Kalorienabbau einer Tüte Chips (175g) beim Joggen. Die Bündigkeit des Originals war die Quintessenz seines Erfolgs. Das Nachfassen mit Culture II verliert sich jedoch in unnötigen Schnörkeleien. Die Lieder sind nicht schlecht, brauchen aber zu lang um in Fahrt zu geraten und laden zu schnell zum Überspringen ein. Verse verlieren sich in 12- und 16- Bar Odysseen, während der Refrain so lang läuft, wie es der Verse hätte eigentlich tun sollen. Bis Quavo, Takeoff, Offset oder ein Gast-Feature mal das Mikro in die Hand genommen hat, gleicht der Song einem angeschossenen Rehbock, welcher sich nur noch Nerven bedingt nach vorne bewegt.

Culture II hat nicht viel mit Hit-Singles am Hut, ist jedoch gespickt mit interessanten Ansätzen wie Offset auf „Narcos“; die Pharrell-Kollaboration „Stir Fry“, die die Gruppe aus ihrer boomenden Trap-Komfortzone hebt und in ein Funk-Gefilde abtauchen lässt; oder der Track Walk It Talk It in Zusammenarbeit mit Drake, welcher wohl das meiste Potential für eine Hit-Single vorzuweisen hat. Bei Doppelalben geht es darum, zu expandieren und nicht darum, ein durchgängiges Schema über 106 Minuten zu strecken. Es wäre interessant gewesen, zu sehen, wie die Migos diese 106 Minuten nutzen könnten, um zu experimentieren, anstatt in die eingeübte Routine zu schlüpfen. Ohne Zweifel wird Culture II die Charts anführen, allein dem Fakt gegolten, dass es dafür konzipiert wurde. Culture II ist wie Sandro Wagner beim Trainieren zuzuschauen, anstatt ihm beizuwohnen, wenn er den Gegner auf dem Spielfeld dominiert.

Trotz alle dem, kann es durchaus unterhaltend sein, einen Top-Athleten beim warm machen zuzuschauen – vorausgesetzt er ist in Höchstform. Die Migos veröffentlichten 24 Songs auf Apple Music, Tidal und Spotify, in der Hoffnung, dass doppelt so viele Songs auch doppelt so viele Streams einspielen werden. Ein weiterer Beweis, dass Rapper versierte Kapitalisten sind. Das Trio hätte die Arbeit in ein Album investieren sollen, welches nur halb so lang ist und dafür qualitativ doppelt so gut ist – aber wer mag es ihnen verdenken, wenn das Chart-System zu solchen Praktiken animiert. Culture II ist die gelebte Umsetzung des „Playlist“ Marketings, welches Drake auf More Life ausprobiert hatte.

Sie machen mit Alben das, was Lil Wayne mit Freestyles macht: Sie werden wie Flyer auf Messen verteilt, in der Hoffnung, dass das Publikum sich ernsthaft mit diesen auseinandersetzt. So sehr diese zwei- und dreistündigen Projekte auch den derzeitigen Hör- und Kaufgewohnheiten der Rap-Fans entsprechen zu vermögen, ist diese Art von Veränderung innerhalb der Kultur nur ein temporäres Ärgernis. Nicht nur der Hip-Hop ist schnelllebig, sondern auch die Metriken mit dessen dieser gemessen wird, sind dynamisch. Die Album-Charts aus dem letzten Jahr sind voll von 45 bis 55 Minuten langen Alben wie Post Malones Stoney, J.Coles 4 Your Eyez Only oder Kendrick Lamars DAMN. Stellt sich eigentlich nur die Frage, was ist eigentlich aus Quality Control geworden?