Mein Interview mit einem Deutschrap-Flüchtling

Es ist halb acht Uhr Abends in Amsterdam als ich schweren Schrittes das ‚Hip-Hop Vestival‘-Gelände verlasse. Das Klingeln meines Telefons beendet meine augenblickliche Lethargie – Mama ruft an. Meine sofortige Begrüßung lässt sie hellhörig werden.

„Was ist los?“, fragt sie.

„Ich habe gerade das ergreifendste Interview meines Lebens geführt“, erwiderte ich.

Ich befinde mich inmitten eines Ozeans an Zelten und den Überresten von Dosenravioli. Mittendrin in dem Auffangbecken für Exil suchende Deutschraphörer – einer der am meist unerwünschten ethnischen Gruppierungen weltweit – befindet sich Sven R. (Name wurde von der Redaktion geändert).

Wir verabschiedeten uns und ich sah zu, wie er mit der schrecklichsten Geschichten, die ich je gehört hatte, in der Menschenmenge verschwand. Untermalt wurde die Szenerie von Lil Pumps Hit-Single Gucci Gang, welche aus einer fernen Boombox dröhnte.

Ich berichtete über das neue Sierra Kidd Album und schaute mir das innovative Musikvideo von Bausas Hit-Single „Was Du Liebe nennst“ bis zum Ende an. Man schickte mich auf Konzerte von Fler, UFO361 und Ahzumjot. In meiner kurzen Laufbahn als Journalist habe ich mich zu einer Art Spezialisten für Verzweiflung entwickelt. Als Musikjournalisten stürzen wir uns nun mal in die größten Katastrophen der Welt.

Svens Geschichte war jedoch was anderes, sie warf mich völlig aus der Laufbahn.

Er erzählte mir – und alles, was er sagte, stimmte mit Dutzenden von anderen Zeugenberichten überein – das jugendliche Gruppierungen aus Hamburg im August in seinen Bus stürmten und die Rückbank restlos für sich beanspruchten. Die Formulierungen kamen zittrig über seine Lippen, als er versuchte den darauffolgenden Horror in Worte zu fassen. Es war ein kaum vernehmbares „187 Straßenbande ist die…“ welches er unaufhörlich vor sich her stammelte.

Als Sven zu schluchzen begann, runzelte ich die Stirn und wurde wütend auf mich selbst.

„Warum lasse ich ihn diesen Horror ein zweites Mal durchleben? Will irgendjemand etwas so schreckliches lesen? Mittlerweile möchte ich diese Geschichte nicht einmal mehr niederschreiben.“

Es muss wohl ein SXTN Konzert gewesen sein, auf dem ich jegliche Hemmung fallen ließ. Jedes Deutschrap Album, welches ich gehört hatte, jedes RIN Interview, welches ich aufgesaugt hatte, hat ein wenig mehr von der Isolierung weggebrochen, welche einst als schützendes Gewand fungierte und mich vor all dem Übel der Welt beschützte.

Noch bevor ich Sven traf, konnte ich meinen Emotionen kaum Einhalt gebieten. Das Durchqueren des Lagers glich einem Wechselbad der Gefühle. Aus einer staubigen Gasse vernahm ich den Frequenzbereich einiger Kinderstimmen, die „STROKE MY CACTUS“ schrien, während sie mit Travis Scott Puppen spielten. Es war einer dieser wenigen unbeschwerten Momente gefüllt mit Hoffnung.

Doch die Rückhand der Realität küsste mein Gesicht schneller, als ich es mir lieb war. Bei der Essensausgabe beobachtete ich ein Pärchen aus Berlin, das darüber debattierte, ob UFO361 oder ein gewisser Migos doch das Trap-Genre erfunden hätte. Ein Zustand, der mir die Tränen in die Augen schießen ließ.

Die mangelhaften Resozialisierungs- und Integrationsmaßnahmen für Deutschrapaussteiger sind der Grund, warum ich diese Geschichte trotz ihrer Aussichtslosigkeit publiziere. Eine Nichtveröffentlichung wäre eine Ungerechtigkeit und eine weitere Beleidigung für die Menschlichkeit der Svens dieser Welt.

Es gestaltete sich als sehr schwierig, dieses Interview zu beenden. Als wir uns trennten, suchte ich krampfhaft nach den richtigen Worten – doch was sollte ich sagen? In meinem Kulturkreis verweisen wir bei dem durchleiden von solch traumatischen Erlebnissen auf das Durchhören von Kanye Wests 808 & Heartbreaks. Doch auf dem Gelände gab es weit und breit kein Aux-Kabel. Während ich ihn davon schreiten sah, wusste ich, dass er zu seiner Plastikplane zurückging und nichts anderes zu tun haben wird, als an jene Momente zu denken, die ich ihn gebeten hatte wieder aufleben zulassen.

Ich wollte ihm jedes Partynextdoor Album geben, welches ich besaß. Ich wollte ihn umarmen oder jemanden für diese Ungerechtigkeiten ins Gesicht schlagen. Das ist das traurige Schicksal als Journalist: Sich hilflos zu fühlen. Wir dokumentieren, sind Zeugen aber mitnichten ein Beistand oder aktiver Helfer. Wie sollte ich auch einer Person helfen, die so viel Schlimmes durchlebt hatte?

Ich stand auf, schüttelte seine Hand und sagte das einzige, was sich richtig anfühlte:

“My Bitch is Bad and Boujee.”

Von den wenigen Wörtern, die ich hier gelernt hatte, waren es diejenigen, die ich am meisten benutzte. Ich entgegnete Dutzenden von ehemaligen 187-Hörern mit diesen Worten.

Manchmal war es das einzige, was ich sagen konnte.

Bad and Boujee.

Es tut mir leid.