Marketing-Kalkül hat einen Namen: Kanye West

Über 15 Jahre war Kanye Schöpfer von Dingen, die kontrovers diskutiert wurden. Egal wie du über ihn denken magst, seine Persona war schon immer unberechenbar und schwer zu ignorieren. Das ist genau der Grund, warum die Ereignisse der letzten Tage, von Wests öffentlichen Wertschätzung der rechten YouTube-Darstellerin Candace Owens bis zu seiner vollen Unterstützung für Donald Trump, so aufsehenerregend und verwirrend waren.

Die letzten 24 Stunden glichen einer Achterbahnfahrt, in der wir als stiller Beobachter partizipierten und versuchten logische Schlüsse zu ziehen. Eine Sintflut an Theorien überschwemmte die sozialen Netzwerke: Waren psychische Probleme, Auslöser für die plötzliche Kontroverse? Ehefrau und Selbstvermarktungsexpertin Kim Kardashian sowie Chance the Rapper verneinten die Annahme. Hatte West ganz plötzlich ein rechtskonservatives Denkmuster übernommen?

Um dies beurteilen zu können, blicken wir auf Wests politische Aktivitäten zurück. Nach der Amtseinführung von Donald Trump, ließ Kanye offen, ob er für Trump gestimmt hatte, jedoch hatte er während der Präsidentschaftswahl $2.700 für Hiltons Wahlkampagne gespendet – besagter Betrag stellt die Obergrenze da, die man als Privatperson einem Präsidentschaftskandidaten zukommen lassen kann. Im Jahr 2015 spendete Kanye $15.000 an die Democratic National Convention, der Parteitag der Demokratischen Partei in den USA. Mal ganz davon abgesehen, dass jeder politische Funken auf Kanyes Diskografie, Rassismus, die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung und Polizeigewalt anprangert und sich wie ein roter Faden durch sein Album-Portfolio zieht.

Warum behauptet er also, er sei unpolitisch, nicht „Demokrat oder Republikaner“ und stehe in Verbindung mit Figuren, die mit Bigotterie in Verbindung gebracht werden? Die Antwort liegt auf der Hand und sollte den meisten Kanye-Anhängern geläufig sein. Wie viele Millionäre und Milliardäre bat Kanye während der Yeezus- und The Life Of Pablo-Ära um finanzielle Unterstützung seiner Visionen gebeten? Von Mark Zuckerberg, Jay Z bis hin zu Tim Cook. Kanye hat diverse Methoden ausprobiert, um an „Fuck You“ Gelder zu gelangen und damit die selbstschuldnerische Bürgschaft für seine Ideen und Visionen abzutreten.

Ist das alles Teil einer größeren Marketingstrategie für sein nächstes Album? Absolut. Letzte Woche erweckte Kanye seinen 6 Millionen Follower starken Twitteraccount aus der Social Media Abstinenz. Seine Trump spezifischen Tweets haben ihn über Nacht, rund 10 Millionen zusätzliche Follower gebracht, stand heute hat er 28 Millionen Follower. Es ist kaum vorstellbar, wie viel Geld, Marketingabteilungen von großen Konzernen ausgeben, um nur einen prozentualen Bruchteil dieses Wachstums innerhalb einer Woche zu generieren. Ein absatzorientiertes Kalkül mit Hinsicht auf seine, für den 1. und den 8. Juni angekündigten Alben.

Viel interessanter ist jedoch der Erschließungsgedanke von neuen Absatzmärkten. Es war Kanye durchaus bewusst, das seine Äußerung auf Twitter, eine heftige Gegenreaktion von links hervorrufen würde. Ihm war aber auch bewusst, dass wir trotzdem sein Album anhören werden, ungeachtet dessen, wie er sich „politisch“ positioniert. Seine Musik – die Sache, die Anhänger zu Fanatiker formte – lässt sich als innovativ, aufregend, prägnant und extrem bezeichnen. Wenn du am Zahn der Zeit operieren willst, ist Kanye der Dentist deines Vertrauens.

Währenddessen avancierte Kanye innerhalb von 12 Stunden zum neuen Liebling der Rechtspopulisten. Kanye war ihr neuer Quotenschwarzer, während dieser im Vorbeigehen, einen neuen Absatzmarkt erschlossen hatte. Dabei tat er nichts anderes, als seine Sympathie für Trump via Twitter zu bekunden, welche er nicht einmal argumentativ untermauerte. Die einzige Begründung war, dass beide von „dragon energy“ getrieben sind, was auch immer das bedeuten mag.

Ein weiteres Indiz für eine ausgeklügelte Marketingstrategie, ist Kanyes vermeidliches Interesse an einem Dialog über Tabus in der Mitte unserer Gesellschaft. Ein Screenshot von der Konversation zwischen ihm und John Legend, lässt jedoch seine wahre Intention erahnen. In dem besagten Screenshot, beschuldigt er Legend seine Gedankenfreiheit manipulieren zu wollen.

Debatten sind eine Form von Austausch – ein Hin und Her von Ideen und Argumenten, basierend auf einer These. Kanye West möchte, dass du seine Meinung hörst, aber seine Konversation mit Legend beweist, dass er keine andere Meinung hören will. Die Intention ist nicht die Debatte über das Thema Politik an sich, sondern dient als Förderungsmittel der Relevanz der Marke Kanye West in den Medien, Blogs und in den sozialen Medien. Mit dem Instrument der Kontroversität, schaffte es West, das Suchinteresse auf Google nachdem Schlagwort „Kanye West“ mehr als zu verdoppeln.

Wie jede berühmte Person werden die Dinge, die er tut und sagt, von Fans und Kritikern gleichermaßen analysiert. In dieser politisch aufgeladenen Zeit, in der Unterhaltung und Politik so eng miteinander verbunden sind, sind wir sehr darauf bedacht, dass unsere Prominenten dieselben Werte wie wir haben. Die Vereinigten Staaten wählten schließlich eine polarisierende Person des öffentlichen Lebens in ihr höchstes politisches Amt.

Exemplarisch für den Erfolg von Kanyes Strategie, lässt sich die Seite theringer.com heranziehen. Die Plattform ist eine Sammlung verschiedener Inhalte zu Themen wie Sport, Lifestyle und Popkultur. Die vergangenen Tage auf The Ringer waren geprägt mit denunzierenden Inhalten über die Persona Kanye West. Symbolisch ist jedoch die Aussage des Autors Sean Fennessey, in dem Artikel „The Kanye West Delusion„. In diesem beteuert er, dass er trotz der Kontroverse und seiner Abneigung, noch nie so gespannt auf ein neues Kanye Album war. Es mag fast so wirken, als ob das alles geplant gewesen wäre.