Tinder schickte mir 1.700 Seiten meiner tiefsten und dunkelsten Geheimnisse

Der 22. März 2014 ist durchaus ein Anwärter für eine Verewigung als Tattoo – warum? An jenem Tag, ein Samstag um 19:48 und eine Sekunde nach, verschickte ich ein euphorisches „was geht?“ an mein aller erstes Tinder-Match. Seit diesem Tag habe ich die App 1.043 mal gestartet und konnte 2.762 Matches mein eigen nennen. An einige erinnere ich mich noch sehr gut: Freunde, Bekanntschaften, Dealerinnen oder unbeschreiblich unangenehme erste Dates. An die anderen kann sich mein Goldfisch-ähnliches Gedächtnis nicht mehr entsinnen – Tinder jedoch schon.

Die Dating-App ist im Besitz von Informationen über mich, welche sich über 1.700 Seiten erstrecken – ordnungsgemäß festgehalten in einem PDF-Dokument. Wahrscheinlich ist Tinder auch im Besitz deiner Daten, solltest du einer von 50-Millionen Nutzern sein. Im August 2017 bat ich Tinder um die Zugriffsrechte meiner persönlichen Daten. Laut EU-Datenschutzrecht hat jeder europäische Bürger ein Anrecht darauf – nur wenige machen davon Gebrauch.

Mithilfe eines Musterschreibens forderte ich meine Daten via E-Mail. Es kam mehr zurück, als ich erwartet hatte.

Exakt 1.782 Seiten enthielt das Dokument: Gespickt mit Informationen über meine Facebook-Likes, Links zu meinen Instagram-Fotos, welche ich bereits gelöscht hatte, bis hin zu einer Übersicht meiner Facebook Freunde und einer Auflistung jeder einzelnen Konversation, welche ich mit meinen Matches geführt hatte – die Liste lässt sich unendlich weiterführen.

Ein Schauer von Reue suchte mich heim, während ich Seite für Seite meiner Daten durchblätterte. Ich war erstaunt darüber, wie viele Informationen ich freiwillig über mich preisgab: von Orten, die ich besucht hatte, Interessen, Arbeitsplätzen, über Bilder, Musikgeschmäcker und was ich gerne esse. Damit bin ich jedoch kein Einzelfall: Laut einer aktuellen Springer-Studie, haben Tinder-Nutzer weniger Hemmungen, Informationen über sich preiszugeben, ohne es wirklich zu merken.

Daten sind nicht greifbar – ein einfaches emotionales Phänomen, welches sich Apps wie Tinder zu Nutze macht. Erst wenn man sie ihn physischer Form vor sich hat, wird man sich dem ganzen Ausmaß erst bewusst.

Das Durchstöbern der 3.900 Nachrichten, welche ich seit 2014 an meine Tinder-Matches verschickt hatte, kam einer Achterbahn der Gefühle gleich. Meine Sorgen, Hoffnungen, Vorlieben und Geheimnisse zusammengefasst in einer PDF-Datei. Tinder kennt mich so gut. Es kennt die reale, unrühmliche Version von mir, die denselben Opener bei Match 945, 946 und 947 angewandt hatte und die zwanghaft mit 19 verschiedenen Menschen gleichzeitig an einem Feiertag schrieb.

Was würde passieren, wenn dieser Fundus an Daten gehackt, veröffentlicht oder einfach von einem anderen Unternehmen aufgekauft werden würde? Allein der Gedanke, das sich jemand bei Tinder durch diese Daten gewühlt haben muss, bevor mir diese 1.700 Seiten zugeschickt wurden, lässt mich innerlich zusammenzucken.

Tinders Datenschutzrichtlinie besagt eindeutig: “you should not expect that your personal information, chats, or other communications will always remain secure”.

Doch wozu benötigt Tinder all diese Daten über mich? “To personalise the experience for each of our users around the world. Our matching tools are dynamic and consider various factors when displaying potential matches in order to personalise the experience for each of our users.” heißt es in dem FAQ auf tinder.com.

Das Problem bei den über 1.700 Seiten an intimsten Daten ist der Fakt, dass es nur die Spitze des Eisberges ist. Wir tendieren zu einer immer transparenteren Gesellschaft, in der Daten, die über uns gesammelt werden, immer mehr Einfluss auf unser reales Leben haben. Natürlich werden diese Daten genutzt, um mir eine bestmögliche Selektion zu ermöglichen. Auf der anderen Seite haben sie aber auch Einfluss darauf, was für Jobangebote ich bei LinkedIn bekomme oder ob ich ein Online-Darlehen aufnehmen kann.

Als ein Paradebeispiel der Millennials, kann ich mich nicht davon freisprechen, dass sich mein virtuelles Leben fast vollständig mit meinem wirklichen Leben vermischt hat. Es gibt gefühlt keinen Unterschied mehr. Tinder ist eine Art, wie ich neue Leute kennen lerne und einen Teil meiner Freizeit gestalte. Es ist eine Realität, die ständig von anderen gestaltet wird und von der ich mich nicht vollends abwenden möchte.