Hip-Hop macht Pädophilie und Gewaltexzesse gesellschaftsfähig

Für Schwesta Ewa und für Hollywood war 2017 ein Jahr der Abrechnung – geprägt von einflussreichen Menschen, die unter dem Gewicht ihrer eigenen Missetaten zusammenbrachen. Gegenteiliges ließ sich im Hip-Hop beobachten: Fragwürdige Hintergrundgeschichten umhüllten eine Vielzahl der kreativsten Talente des Genres. Sie eroberten die Charts – und Millionen von Zuhörern – während sie gleichzeitig mit kriminellen Anschuldigungen und strafrechtlichen Verurteilungen zu kämpfen hatten. Während solche Vergehen zwangsläufig zu einem Imageverlust innerhalb der Gesellschaft führen, gedeihen diese jungen Künstler weiterhin, trotz – oder vielleicht zum Teil – wegen der Schwere der gegen sie erhobenen Vorwürfe.

Die strafrechtlich relevanten Vorwürfe sind indiskutabel: XXXTentacion wird wegen gewalttätigen Übergriffen an seiner schwangeren Ex-Freundin und später wegen Manipulation von Zeugen angeklagt – er wies alle Anklagepunkte zurück und plädiert weiterhin auf unschuldig. Der 17-jährige Tay-K sieht sich zwei Mordanklagen ausgesetzt – auch er beteuert seine Unschuld. Kodak Black wurde schon des Öfteren verhaftet und steht wegen sexueller Belästigung vor Gericht; seine Anwälte plädieren ebenfalls auf unschuldig. Im Jahr 2015 bekannte sich Rapper 6ix9ine für Schuldig, hinsichtlich einer Anklage, die ihm Geschlechtsverkehr mit einem Kind vorwarf.

Die Statistiken sprechen eine andere Sprache: XXXTentacions erstes Album „17“ debütierte auf Platz 2 der Billboard-Album-Charts und seine Hit-Single „Look at Me“ schaffte es auf Platz 34 in die Billboard Hot 100. Tay-Ks „The Race“ reihte sich auf Platz 44 ein. Derzeit hat 6ix9ine zwei Songs in den Hot 100, „Gummo“ auf Platz 14 und „Kooda“ auf Platz 54. Kodak Blacks erstes Album „Painting Pictures“ debütierte auf Platz 3 der Album-Charts und wurde mit Gold ausgezeichnet. Die Single „Tunnel Vision“ wurde mit doppelt Platin ausgezeichnet und chartete auf Platz 6 der Hot 100.

Dies sind Metriken der Popularität – nicht der Ethik. Sie sind ein interessanter Indikator dafür, wie Künstler mit fragwürdigen Vorgeschichten in der gegenwärtigen Gesellschaft wahrgenommen werden. Und sie weisen darauf hin, dass eine Kluft zwischen Moral und ästhetischen Kalkül besteht.

Diese Künstler entwachsen ihrer Rechenschaft und sie stehen für Musik ein, die oft erfinderisch und überzeugend ist. Das Wissen um die Details ihres angeblichen kriminellen Vergehen macht das Zuhören zu einer moralisch fragwürdigen Handlung.

Just in diesem Moment hören und verehren viele Menschen diese Künstler – einige, die mit der Komplexität vertraut sind und ein Großteil, die es eben nicht sind. Gerade im Streaming-Ökosystem bewegt sich ein Song viel unbeschwerter durch die Welt als die Biografie des Künstlers.

Was dieser Moment verlangt, ist eine ehrliche und objektive Form der Kritik, die die Arbeit auf ihre kreativen Verdienste hin bewertet und dabei nicht vor den Umständen ihrer Schöpfer zurückschreckt. Wenn man die Kunst völlig aus der Hand gibt, ist das letztlich eine Art des gesellschaftlichen Versagens. Der Versuch, zu verstehen, warum etwas erfolgreich ist, selbst wenn es fragwürdigen Ursprungs ist, ist eine Aufgabe, für die kritisches hinterfragen perfekt geeignet ist.

Der Umgang mit sexuellen Übergriffen im vergangenen Jahr, folgte einem bestimmten Muster: Anklage, rechtmäßige Verurteilung und die endgültige Diskreditierung des Verurteilten.

Was derzeit im Hip-Hop passiert ist jedoch anders. Nachdem die letzten Jahre von Drakes sanfter und melodischen Ästhetik geprägt wurden, ist ein fortlaufender Umschwung in dunklere und härtere Gefilde wahrzunehmen. Außergesetzliche Konflikte sind schon seit langem ein fester Bestandteil des Hip-Hops – man denke nur an 50 Cent, Chief Keef, Tupac Shakur und viele mehr. Es verwundert also nicht, dass die Toleranz gegenüber Rappern mit Vorbelastungen besonders hoch ist. Ein anderer Faktor ist die allgemeine Skepsis gegenüber staatlichen Strafrechtssystem, was dazu führt, dass fast jeder verurteilte Rapper zu einem antiautoritären Volkshelden erklärt wird.

Kodak Black ist ein interessantes Fallbeispiel. Er ist einer der gewieftesten Lyriker im Genre und rappt des Öfteren über die Schwere der Moral in einer amoralischen Welt. In den vergangenen zwei Jahren war er ein regelmäßiger Besucher der hiesigen Justizvollzugsanstalten. Sein öffentliches Image war von schlechter Entscheidungsfindung geprägt und seine Kunst war ein Versuch, sich mit dieser auseinanderzusetzen. Seine Stimme hat eine affektierte Tiefe, welche schleppend vor sich dahin säuselt – er klingt müde. An manchen Stellen bittet er öffentlich um Vergebung. Auf dem Track „Versatile“ heißt es:

When I took rapping serious I threw the towel in. But Lord you say you gonna forgive me so forgive me then.

Eine ähnlich Angespanntheit begleitet auch die Arbeiten von XXXtentacion, dessen Musik aus den Tiefen der SoundCloud-Sphären entsprang. Stilistisch bewegt sich XXXTentacion in vorderster Front der jungen Rapper, die ausschweifende Emotionalität und Goth-Elemente in ihren Sound einbinden. Kendrick Lamar unterstützte ihn auf Twitter und animierte seine Anhänger mit folgenden Worten: “listen to this album if you feel anything. raw thoughts.”

Allerdings gibt es in der Kunst von XXXTentacion wenig Zweideutigkeit: Ein Lied auf „17“ benannte er nach der Klägerin, die ihn für gewalttätigen Übergriffe an ihrer Person anzeigte. Ein anderer Song ist nach einer Freundin benannt, welche ihm Beisein von X, Selbstmord beging. Diese lyrisch wirklichkeitsgetreue Darstellung ist eine der Stärken von „17“ sogleich aber auch eine der besorgniserregendsten Faktoren – jeder Versuch, eine Abstraktion in der Musik des Künstlers zu finden, scheint unmöglich, da XXXTentacions Persona es schlichtweg nicht zulässt.

Vergleichbar mit Tay-Ks „The Race“, einem Lied über das Leben auf der Flucht, während der Rapper sich tatsächlich auf der Flucht befand. Das Lied ist vorlaut und locker – es funktioniert, weil sein Gefühl der Hingabe greifbar ist.

6ix9ine Klangästhetik ähnelt einem neuzeitlichen DMX, er lässt eine Epoche aufleben, in der der NY Hip-Hop noch rauer war. Trotz seiner Verurteilung wegen Sex mit einer Minderjährigen, steht er kurz davor den Mainstream zu durchdringen. Funkmaster Flex, NY Rap-Mythos und DJ beim Radiosender Hot 97, ist einer seiner namhaften Unterstützer.

Mit der Menge an leicht zugänglichen Information, die den Hörern zur Verfügung stehen, sollte der unreflektierte Konsum keine Option mehr sein. Es bleibt jedoch weiterhin ein leichtes, da Musik leicht vom Gesamtkontext getrennt werden kann. Gerade für junge Zuhörer überwiegt die Anziehungskraft von gesetzwidrigen und antiautoritären Verhalten, die Berücksichtigung des tatsächlichen Schadens, den ein Künstler möglicherweise angerichtet hat.

Es ist auch wichtig, sich daran zu erinnern, wie viele verschiedene Formen des Zuhörens existieren: passiv, aktiv, akustisch und physisch. Der Konsum von Musik ist ein fortlaufender Prozess, der das Ohr, Verstand, Körper und den Gemütszustand anspricht. Konsumenten sollten die Schöpfungen der Künstler in Kontext mit den Vorwürfen gegen sie stellen; andernfalls bleiben sie in der Lage, unabhängig voneinander konsumiert zu werden.

Diese Welle von Künstlern wurde durch eine Reihe von Institutionen unterstützt, welche wenig bis gar nicht hinterfragt. Diese Musiker wurden in reichweitenstarke Playlists platziert, die in ihren redaktionellen Angeboten keine formelle Kritik voraussetzt.

Ganz von den Unternehmen abgesehen, die diese Künstler finanziell unterstützen. Kodak Black ist bei Atlantic Records unter Vertrag, ebenso YoungBoy Never Broke Again, der sich in diesem Jahr wegen schwerer Körperverletzung schuldig bekannte. XXXTentacion unterzeichnete einen Plattenvertrag mit Empire Distribution und während Tay-K im Gefängnis sitzt und auf seinen Prozess wartet, hat er einen Vertrag bei 88 Classic, eine Tochtergesellschaft von RCA Records, unterschrieben.

Andere Künstler haben das finanzielle Potential frühzeitig erkannt und haben die aufflammende Popularität dieser Rapper genutzt, um Kapital aus ihnen zu schlagen. XXXTentacions erste prominente Mainstream-Kollaboration war Noah Cyrus, Mileys 17-jährige Schwester. Kodak Black, der bekannteste dieser Künstler, hat unter anderem mit Lil Wayne und Young Thug eine Reihe an Songs veröffentlicht. Tay-Ks „The Race“ wurde ungefragt von mehreren Rappern neu interpretiert und nun, da er seinen Plattenvertrag unterschrieben hat, ist ein offizieller Remix mit 21 Savage und Young Nudy geplant. Je enger diese Künstler in das Gefüge der Musikindustrie eingewoben werden, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie in absehbarer Zeit wieder von der Bildfläche verschwinden.

Der letzte Teil des Musters, welches sich im Zusammenhang mit den prominenten Tätern des letzten Jahres herauskristallisierte, war Reue gegenüber den Opfern, vordergründig als erster Schritt der Rehabilitation. Ein entscheidender Punkt, welcher bei keinem der besagten Rapper zu beobachten war. Stattdessen hat das vergangene Jahr deutlich gemacht, dass sie eher Gehör bei einem Millionenpublikum finden, lang bevor sie ein rechtliches oder moralisches Urteil erhalten haben.

In der Filmindustrie wird darüber diskutiert, ob diejenigen, die für ihre Taten verurteilt worden sind, eines Tages als Menschen und später als Mitglieder der kreativen Gemeinschaft wieder willkommen geheißen werden können. Das schnelllebige Hip-Hop Genre hat jedoch keine Zeit zu warten.