Geheimtipp: Raven in Prag

Es sind die deindustrialisierten Lagerhallen, die das Nachtleben von Prag ausmachen. Architektonische Exoskelette von Gebäuden, die einst voll von Menschen und ihren alltäglichen Arbeitsgeräten  waren – bedrohliche Geister, vergleichbar mit der drohenden Mittelung welche am Ende des Monats über den Verbrauch deines Datenvolumen informiert. Heute Abend erleuchtet die Lagerhalle in diversen Farben und der Montag Morgen könnte nicht ferner sein. Umgeben von Fremden, lockt der Ruf, in die unbeschwerte Anonymität einzutauchen – es ist das süße Zweitleben des Raves.

Zusammen mit Freundin und Fotografin Flora M. machte ich mich auf die Suche nach einer ernsthaften Alternative für das propagierte Rave-Mekka Berlin. Es brauchte nicht lange, bis wir uns auf gemeinsames Ziel einigten: Tschechien. Prag um genauer zu sein. Die dort günstig zu erwerbenden Spirituosen waren ein durchaus reizvolles Argument, welches uns dann schlussendlich nach Prag führte.

Um die Raves in den ehemaligen Industriegebieten zu finden, bedarf es jedoch einer gewissen Vorbereitung. Die Nachtclubs in Prag sind zwar auch ganz nett, waren aber nicht das primäre Ziel unserer Reise. Auf diese kommt man eigentlich nur Mithilfe von Einheimischen, da es für diese Raves keine Ausschreibungen oder sonstiges gibt. Eine Empfehlung ist der Footshop direkt in der Nähe der Vltavska Metro Station. Verwickelt die Verkäufer in ein Gespräch, tauscht Kontaktdaten aus und euer Ticket ist schon so gut wie eingelöst – der Aufwand lohnt sich.

Sobald sich der Abend aber langsam dem Ende zu neigt, ist Vorsicht geboten. Langfinger gibt es unter den Taxifahrern viele. Ein Kilometer sollte nicht mehr als 1 Euro kosten (27 Kronen). Lasst euch nur eine maschinell erstellte Rechnung aushändigen, anderseits ruft die Polizei (Nummer: 157), die regeln das für euch. Die meisten Taxifahrer  werden aber schon bei der alleinigen Drohung, einsichtig. Solltet ihr euch im absoluten Delirium befinden und wollt euch nicht mit so etwas herumschlagen, habt ihr  noch die Möglichkeit, die öffentlichen Night Trams zunehmen. Diese fahren alle 20 Minuten. Tickets könnt ihr an den Haltestellen kaufen.

Den Verlauf des Abends und weitere Impressionen über die Rave-Szene in Prag, findet ihr weiter unten. Ein Geheimtipp, der es hoffentlich noch länger bleibt.

P R A G U E
P R A G U E

23:46

Das loslassen von zeit und Raum. Wir betreten eine Lagerhalle im ehemaligen Industriegebiet von Prag. Im Verbund mit unseren Jacken, legen wir auch zugleich unseren Tag-Nachtrhythmus mit ab. Fühlt sich gut an.

 

01:38

Ein Meer von Köpfen und Schultern schwimmend, fast ununterscheidbar von einander. Die Musik: tief, schallend und konstant – sie pulsiert in Wellenform und begrüßt mit offenen Armen, die ersten Zuckungen des Publikums. In einer Menge verloren zu sein fühlt sich besser an, als alleine herauszustechen – zumindest für den heutigen Abend.

 

02:51

Der iPhone-Bildschirm zeigt kurz vor drei an, alles leuchtet, vor einem Augenblick war es aber noch Mitternacht. Die Zeit spielt verrückt und verlangsamt einen Moment, nachdem sie den vorherigen beschleunigt hat. Die Frage ist jedoch: Was ist das für ein Song?

 

03:58

Tinder ist der Beweis, dass Menschen nicht ohne einander können.

 

04:43

Niemand teilt sich dem anderen mit. Alle von uns sind alleine zusammen. Anonym aber nicht einsam.

06:00

Wenn du den Rave nicht verlässt, wird das Wochenende niemals enden!

 

07:46

Die Taxi-Sitze in Prag sind die weichsten. Wann geht es wieder nach Prag? Der Kalender auf meinem Smartphone zeigt eine Reihe von anstrengenden Wochen an, also scrolle ich. Ich scrolle durch die Wochen, bis aus ihnen quadratische Monate werden. Ich scrolle und scrolle, bis ein ganzes Jahr vergangen ist. Ankunft vor der AirBnb Unterkunft, macht dann 335 Tschechische Kronen.