Feldversuch: Jede Stunde ein Tinder-Date

Noch nie habe ich mich mit einem Artikel so schwer getan. Zu groß war der Gewissenskonflikt und auch die damit verbundene Überwindung meiner moralischen und ethischen Ansichten. Immer wieder schob ich das „Abschlussprojekt“ meines selbsternannten Tinder-Experiment vor mich her und erfand Ausreden, um es nicht umsetzen zu müssen.

Dieses ungenutzte Potential von über 1.000 Tinder Matches schlummerte einfach auf meinem Smartphone – was man doch alles damit anstellen könnte, wäre da nicht dieser letzte Klecks an Moral in mir vorhanden. Im Endeffekt siegte aber dann doch die Neugier.

Nachdem ich den Artikel über meine Tinder-Marketingstrategie veröffentlicht hatte, war ich mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Reaktionen konfrontiert. Mehrheitlich erreichte mich negatives Feedback seitens der geprellten Tinder-Matches, welche sich durch meinen Artikel persönlich angegriffen gefühlt haben.

Die Idee hinter meinen vorerst letzten Tinder-Artikel, münzte diesmal nicht auf Marketingtechnischen Interessen. Ich hatte mir vorgenommen, mich jede Stunde mit einem neuem Tinder-Date zu treffen.

Dafür plante ich minutiös, für jede Stunde von 11 Uhr Vormittags bis 20 Uhr Abends mindestens ein Date ein. Auch die Treffpunkte waren strategisch klug ausgewählt, so das ich das nächste Date innerhalb von 5 Minuten zu Fuß erreichen konnte. Außerdem erstellte ich mir eine Notiz, in der ich die Uhrzeit, Name, Location und Interessen des Dates vermerkte. Allein die Tatsache, dass ich besser vorbereitet in ein Tinder-Date ging, als in jede von mir geschriebene Klausur, ließ mich meine Lebenseinstellung des öfteren ernsthaft hinterfragen.

Doch warum das Ganze? Ich habe absolut keine Ahnung, vielleicht war es der Reiz des unerwarteten. Eins weiß ich aber ganz genau: Dieser Tag hat Erinnerungen geschaffen, die sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt haben. Während ich diese Zeilen hier schreibe, erinnere ich mich ungläubig an diesen Tag zurück und frage mich schlichtweg eins: Warum?

Kurze Anmerkung bevor ich den weiteren Ablauf schildere: Jegliche Namen wurden verändert und die hier veröffentlichten Bilder wurden mit Erlaubnis der dort abgebildeten Personen veröffentlicht. Während dieses „Experiments“ kamen keine Tiere zu Schaden. Legen wir also ohne weiteres Geplänkel los.

Es war ein gewöhnlicher Mittwoch in Berlin, ich hatte mir extra für diesen Tag frei genommen. Wir hatten es viertel vor elf und ich machte mich auf den Weg zu meinem ersten Date. Ich traf mich mit Clara an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz. Entgegen meiner Angewohnheiten war ich pünktlich dort, doch wo war Clara? Die Minuten verstrichen und ich fummelte schon leicht hektisch an meinem Handy herum – sollte das Experiment wirklich so starten?

„Hey bist du Tristan?“ tönte es mir entgegen, ich schaute auf und da stand sie, gekleidet wie eine Metzgerzwiebel. Wir gingen in Richtung des Cafes, welches ich ausgesucht hatte und tauschten ein paar Formalitäten auf dem Weg dorthin aus. Wir hatten uns kaum via Tinder unterhalten, weswegen sich meine Notizen auf ein „Interessiert an Technik?!“ beschränkten.

Anhand der langatmigen Gesprächspausen, bemerkte ich schnell dass dieses Treffen keine Stunde dauern würde. Ihre Bio las sich wie folgt:

Weiber setzen sich in Szene, ich setz mich an den PC.

Leider stellte sich das als bittere Realität heraus. Während ich mich für Videospiele so gut wie gar nicht interessiere (mit Ausnahme von Fifa), war dies ein fester Bestandteil ihrer Welt. Die beidseitigen Gesprächsversuche verliefen immer demselben Muster: „Was hältst du eigentlich von YX? Kennst du das überhaupt?“ auf das vorhersehbare Nein folgte ein unangenehmes Schweigen.

Eine halbe Stunde war vergangen und mit dem letzten Schluck meines Kaffees, trank ich mir Mut in Form von Koffein an. Ich schaffte es endlich mich zu überwinden und beendete die beidseitige Unannehmlichkeit. Eine fiktive WhatsApp Nachricht eines Freundes, welcher meiner Hilfe benötigen würde, half mir aus. Was für ein Start!

Die nächsten drei Treffen verliefen relativ unspektakulär. Ganz solide Gespräche bei denen man am Ende des Dates mit einem „Wir schreiben“ verblieb und beide Parteien genau wussten, dass es dies nicht der Fall sein wird.

Übersättigt von Kaffee und Kuchen, machte ich mich auf dem Weg zu einem asiatischen Restaurant, um mich mit meinem 15 Uhr Date zu treffen. Ich wartete 10 Minuten bis ich mich das erste mal erkundigte, wo meine Verabredung den bleiben würde – keine Antwort. Ich wartete noch weitere 10 Minuten, bis ich leicht angesäuert, das L entgegennahm.

So trottete ich leicht entmutigt meinem 17 Uhr Date entgegen. Es ging wieder Richtung Alexanderplatz. Da wartete hoffentlich die 22 jährige Musikstudentin Lisa auf mich. Wir hatten uns zuvor ausgiebig über das neue Migos und Future Album ausgetauscht – die Erwartungen waren dementsprechend hoch.

Punkt 17 Uhr war sie da und man merkte innerhalb der ersten Sekunden, dass die Chemie stimmte. Den Vorschlag auf die von mir rausgesuchte Bar, schlug sie jedoch aus und entgegnete mir mit einer anderen Lokalität – mhm warum nicht? Auf dem Weg dorthin tauschten wir uns über diverse Künstler aus und die Gespräche nahmen eine interessante Tiefe an. Nach 15 Minuten Fußmarsch, blieben wir vor einem alten, leicht abgeranzten Backsteinhaus stehen. „Da sind wir schon“ tönte es. In meinem Kopf spielten sich schon diverse Horror-Szenarien ab.

Wir betraten das Gebäude und wurden augenscheinlich schon erwartet – ein unangenehmes Gefühl machte sich in mir breit. Ein kleines Grüppchen, bestehend aus drei Typen entgegnete uns mit einem Kanon ähnlichem „Hallo“. Panisch schaute ich mich nachdem schwarzen Ledersofa und der offensichtlich platzierten Kamera um – konnte aber beruhigt feststellen, dass ich nicht bei dem deutschen Ableger der berühmten Casting Couch gelandet bin – schade.

Relativ fix stellte sich heraus, dass Lisa Frontsängerin einer Indie-Pop-Band war und sie sich heute zu einer Probe verabredet hatten. Da bietet es sich natürlich an, dass man sein Tinder Date bei solch einer Probe mitnimmt. Wahrscheinlich war es die Mischung aus Live-Musik, Alkohol und der ausgelassenen Stimmung, die den Cringe-Faktor doch noch irgendwie erträglich machte.

Ich nickte ein bisschen mit dem Kopf mit, obwohl Indie-Pop nicht so meins war und steuerte ab und zu mal ein paar universell anwendbare Vorschläge bei. Der Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich mein nächstes Treffen nicht mehr pünktlich wahrnehmen werden könne. Ich verabschiedete mich von jedem einzeln und versicherte, dass ich mir ein paar Tracks auf Soundcloud anhören würde.

Mit einer leichten Verspätung traf ich an dem vereinbarten Treffpunkt ein. Nicole, eine 21 jährige Mediendesignern wartete bereits geduldig auf mich. Wir begaben uns in Richtung Bahn und betrieben belanglosen Small Talk. Die Bar, welche ich für uns rausgesucht hatte, war an diesem Tag leider geschlossen, weswegen wir spontan umdisponierten und einfach ein wenig herum schlenderten.

Schnell nahm unsere Konversation den Charakter einer Gesprächstherapie an. Sie erzählte über die Probleme mit ihren Vermieter, ihren Chef und über die Einstreu-Allergie ihres Kaninchen. Auf sarkastische Bemerkungen bezüglich ihres Nagers, reagierte sie sehr empfindlich, weswegen ich diese relativ schnell wieder einstellte.

Ein paar Minuten vorgespult: Mittlerweile befinden wir uns am Senefelderplatz. Ich bin mit Alena, 25 Jahre verabredet. Ihre Zustimmung zu einem Treffen war auffällig unkompliziert. Sie wartete bereits in einem kleinen italienischen Restaurant auf mich. Die Begrüßung war offen und herzlich.

Im Laufe des Gespräches offenbarte sie mir, dass ich bereits ihr zweites Date am heutigen tage sei – wenn sie doch nur wüsste. Innerlich freute ich mich sogar ein wenig über die von ihr geschilderte Tatsache. Der erste Typ hatte ihr anscheinend nicht gefallen. Wahrscheinlich hatte er ihr sogar Drinks spendiert und sie ein wenig warm gemacht. Ich müsse nur noch die reifen Früchte ernten – so dachte ich zumindest.

Es lief gut bis zu dem Punkt, an dem sie ihre wahre Intention offenbarte. Es stellte sich heraus, dass die nette Dame mir gegenüber ein Real Life Tinder Bot war. Sie erzählte mir von einem dubiosen Geschäftskonzept, was im Grunde genommen einfach nur ein Schneeballsystem war. Das Blatt hatte sich gewendet, so war ich doch tatsächlich einer perfiden Tinder-Marketing-Strategie auf dem Leim gegangen.

Sie wurde nicht Müde zu erwähnen was für eine einmalige Gelegenheit dies doch für mich sei und das sie nur ganz besondere Menschen ihre Geschäftsidee offenbaren würde. Ich war mehr als bedient, versuchte es mir aber nicht anmerken zu lassen und grinste mich gequält durch die letzten 20 Minuten ihres Monologs. „Du möchtest jetzt schon gehen? Da sind noch ein paar wichtige Punkte, die ich dir erklären wollte oder hast du etwa kein Interesse?“.

Bitch you guessed it.

Mit gewissen Selbstzweifeln trat ich das letzte Date an. Dieses hatte ich ganz bewusst zum Schluss gewählt, da diese Person mich am meisten interessierte und ich nun die Möglichkeit hätte, mehr als nur eine Stunde mit ihr zu verbringen. Die 25 jährige Ronja war Modestudentin und zeichnete sich neben einem ansprechendem Äußeren auch durch eine gewisse Schlagfertigkeit aus – genau mein Ding. Wir trafen uns in der Gagga Bar und auch dieses Treffen startete wieder verheißungsvoll. Wir bestellten jeweils ein Glas Wein und führten ein durchaus interessantes Gespräch.

Im Laufe des Gespräches, bestellte sie sich ein Shot Whisky. Aus einem wurden zwei, aus zwei wurden plötzlich drei, bis sie dann bei dem fünften angelangt war. Wir brachen langsam in Richtung einer von ihr favorisierten Bar auf. Dort angekommen, dachte ich, dass sie ihren Konsum vielleicht etwas runterfahren würde und sich ausnahmsweise mal ein Wasser genehmigen würde – falsch gedacht. Ein Shot Whisky folgte dem anderen. Diese Frau war durstiger als jeder Fuckboy in den Instagram Direct Messages.

Mit der Zeit erreichte sie einen unangenehmen Pegel und ich sorgte mich mehr darum, wie sie wieder nach Hause kommen würde. Anfänglich hatte sie mir erzählt, dass sie mit dem Auto hergekommen sei. Doch über den ganzen Abend hin beteuerte sie, dass sie Jemanden hätte, der sie abholen würde.

Es wurde relativ spät und ich wollte mich so langsam auf den Heimweg begeben. Das einzige Problem war, dass die Person, die sie abholen wollte, niemals auftauchte. Ich sagte ihr, dass wir uns eine Alternative suchen müssten, wie wir sie Nachhause befördern könnten. Sie lachte und versuchte mich zu überzeugen, dass sie noch fahrtüchtig sei. Natürlich war dies keine Option, weswegen ich ihr die Möglichkeit einräumte, ihr ein Taxi zu rufen oder Freunde von ihr zu kontaktieren – auch dieses wurde mit einem lachen von ihr verneint.

Das Ganze ging noch ein wenig hin und her, bis der Barkeeper seine Hilfe anbot und mit mir gemeinsam auf sie einredete. Nach einer Weile schienen unsere Worte auch Früchte zu tragen und sie stimmte zu, dass ich ein Taxi für sie rufen würde. Erleichtert griff ich nach meinem Telefon um die Nummer des Taxidienst einzutippen. Als ich auf den Bildschirm schaute, vernahm ich das poltern eines umgefallenen Stuhls, neugierig schaute ich auf und sah wie mein Tinder Date mit hochhackigen Schuhen aus der Bar rannte. Ich sprang auf, nahm die Verfolgung auf und holte sie relativ schnell wieder ein. Mit einer beherzten Umarmung hielt ich sie fest um sie von ihren Vorhaben abzuhalten.

Schlussendlich nahm ich ihre Schlüssel und bot an, sie mit ihrem Auto Nachhause zu fahren.Sie stimmte zu und saß sich weinend auf den Beifahrersitz um mir Richtungsanweisungen zu geben. Jedoch machten diese wenig Sinn und wir entfernten uns immer weiter von dem ursprünglichen Ziel. Ich dachte mir nicht viel dabei und folgte weiter ihren Anweisungen mit der Hoffnung, dass dieser bizarre Abend endlich sein Ende nehmen würde.

In mitten der Fahrt versuchte sie die Tür zu öffnen, die sich Aufgrund des Fahrtwindes aber nur einen kleinen Spalt öffnete. Innerhalb von Sekunden hatte sie es geschafft, sich die Hand in dem Türrahmen einzuklemmen und schrie vor Schmerz auf. Ruckartig hielt ich an und sie nutzte ihre Chance, sich aus dem Auto zu befreien. Ich rannte ihr hinterher, packte sie und hielt sie mit einer Hand fest, während ich mit der anderen die Polizei anrief.

Als wir auf die Polizei warteten, begann sie zu erzählen, dass sie glaube, sie habe sich einen Finger gebrochen. Die Polizei traf gleichzeitig mit dem Sanitäter ein und ihre Vermutung bestätigte sich. Obwohl sie in jeglicher Hinsicht schon verloren hatte, stellte sie sich immer noch quer.

Sie weigerte sich vehement die Kontaktinformationen ihrer Eltern rauszugeben und lehnte jegliche Möglichkeit der Beförderung ab. Immer wieder stand sie unermüdlich auf, mit dem einem Ziel vor Augen: Die Heimfahrt mit ihrem Auto. In gewisser Weise bewunderte ich ihre Entschlossenheit.

Das Date endete damit, dass ihre Eltern sie abholten und mit ihr gemeinsam zu dem nächstgelegnen Krankenhaus fuhren. Ich begab mich auf den Heimweg mit einer Geschichte, die ich noch meinen Enkeln erzählen werde. Danke Tinder.