Die Welt des russischen Internet Raps

Es gibt diverse Schritte, die aufstrebende Rapper tätigen, um eine potente Anhängerschaft aufzubauen. Sei es das Spielen von kleinen Shows, Nebenbühnen-Auftritte auf lokalen Festivals oder das Veröffentlichen von kostenloser Musik in Form von Mixtapes oder Singles. Spotify-Playlists, Interviews auf Szene-Blogs oder Co-Signs von Instagram Influencer, sind die zeitgenössischen Instrumente, um sich ein Fundament innerhalb der sozialen Netzwerke aufzubauen.

Der kanadische Rapper Night Lovell scheint die letzten paar Jahre damit verbracht zu haben, diese Instrumente zu seinen Gunsten zu nutzen. Er wurde in großen Rap-Publikationen vorgestellt, spielte als Opener für Künstler mit Tausenden von Fans und war zu Gast bei No Jumper – einem einflussreichen Underground-Hip-Hop-Podcast. Mit einem bevorstehenden Auftritt auf dem diesjährigen Rolling Loud Festival, deutet alles darauf hin, dass 2018 Night Lovells Jahr des Durchbruchs sein wird.

Die wenigsten wissen jedoch, dass Night Lovell in der ehemaligen Sowjetunion ein geläufiger Name ist.

Anfang 2017 war der damals 19-jährige Lovell zweimal in Osteuropa unterwegs, darunter ein Konzert-Marathon im Frühling, der ihn nach Estland, Lettland, Weißrussland und in fünf russische Städte (Moskau, St. Petersburg, Jekaterinburg, Samara und Novosibirsk) führte. Aufnahmen der besagten Konzerte, zeigen ein frenetischen Lovell in überfüllten Club-Landschaften.

Für den durchschnittlichen Konsumenten von englischsprachigen Rap, scheint Night Lovells Ostblock Popularität ein zufälliges Produkt zu sein – dem ist nicht so. Die jungen Rap-Fans aus Russland haben ihr eigenes Rap-Ökosystem aufgebaut, welches die leitenden Instanzen in der amerikanischen Musikindustrie scheinbar völlig umgeht.

Wenn man Lovells Erfolg in den östlichen Gefilden runterschlüsseln möchte, führt kein Weg an Russlands Facebook-Äquivalent VK vorbei. Dort steht er mit einer Gefolgschaft von fast 40.000 Followern über Exportschlagern wie den Migos oder Post Malone.

Boris Vilkovysky, der aus Moskau stammende Betreiber der Seite Fast Food Music beschreibt das Phänomen wie folgt:

It’s all about the group’s VK following, how much of their audio exists on VK. You can check the statistics about the artists, then decide if people are going to come to their concerts. An artist can be popular in the USA, but people in Russia might not be interested in them.

Diese Asymmetrie der Beliebtheit kann verblüffend sein. Man nehme eine etablierte Größe wie J. Cole, welcher mit seinem neuen Album KOD 397.000 Einheiten in der ersten Woche absetzen konnte, fünf Nummer-Eins-Alben sein eigen nennen kann und gefühlt jedes Stadion ausverkauft. Ist dieser Status auch auf VK adaptierbar? Nyet. Coles Seite hat 14.ooo Anhänger, ungefähr gleich so viele wie der aus Memphis stammende Rapper Xavier Wulf, der in kleinen Clubs durch die Staaten tourt und bei keinem Major Label unter Vertrag steht.

Solltest du kein russischer Muttersprachler sein, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass du noch nie von VK gehört hast. Deswegen hier ein kleiner Überblick: VK ist die zehntbeliebteste Website der Welt und die beliebteste in Russland (gleiches gilt für Länder wie der Ukraine, Usbekistan, Tschetschenien, Weißrussland und Kasachstan) und dient neben einer ganzen Reihe von anderen Zwecken als Nährboden für eine neue Generation kyrillischer Hypebeasts, die die Popularität der amerikanischen Künstler in der linksorientierten Mitte der Gesellschaft vorantreiben. Außerdem gehören 48% von VK, dem Putin nahe stehenden Oligarch Alischer Usmanow.

Am wichtigsten für die kulturelle Inkubation und den Austausch, sind jedoch die in VK integrierten Musik- und Video-Streaming-Plattformen, welche bedingt durch den russischen Urheberrechtsschutz, kaum an regulatorische Bedingungen gebunden sind. VK stellt die Sollbruchstelle zwischen zwei Epochen des Internets dar, es verbindet die „Download for free Megaupload“ Ära mit der Dynamik der gegenwärtigen Multi-Screening Generation. Suche nach einem Künstler und du findest hunderte von Songs, kostenlos zum streamen.

Accounts wie die von Tekashi 69 oder Lil Xan werden weitestgehend von einer Person betrieben, die in keinem direkten Zusammenhang mit den besagten Künstlern stehen. Beide Accounts haben über 45.000 Fans und dienen als Hauptinformationsquelle für die junge Anhängerschaft aus Russland und Co. Die Fan betriebenen Accounts sind ein Abbild des ursprünglichen Hip-Hop DIY-Ethos. Dabei durchforsten die Betreiber der Seiten, die Social-Media-Plattformen der Künstler und sammeln Musik, Bilder und erstellen Übersetzungen dieser Inhalte für die russische Plattform. Dementsprechend haben VK-Fan-Accounts eine enorme Macht und dienen manchmal als einzige Repräsentation des Künstlers in der fünftgrößten Wirtschaftsmacht der Welt.

Night Lovells VK-Seite wird täglich mit Musik-Uploads, Interviews mit russischen Untertiteln und Memes gepflegt, die Hunderte an Likes und Kommentaren generieren. Immer mehr geschäftstüchtige, amerikanische Rapper haben begonnen, VK als Werbeplattform zu nutzen. Mit einem Selfie-Video stellt sich beispielsweise Lil Skies auf seiner offiziellen VK-Seite vor.

Dieser kulturelle Austausch zwischen der neuen Generation an amerikanischen Internet-Rappern und einer Schicht der linksliberalen, russischen Jugend ist ein digital angehauchtes Phänomen, welches sich bis in die späten 80er zurückverfolgen lässt. In einem Artikel der BBC, dokumentierte Autor Adam Curtis die Affinität der sowjetischen Jugend für die New Yorker Punk-Szene, welche den westlichen Kapitalismus ablehnte und somit einige Parallelen zum korrupten Staatskommunismus aufwies.

Durch die relativ oberflächliche Verwurzelung des Raps in Russland, herrschen niedrigere Eintrittsbarrieren für normwidrige DIY-Künstler, besonders wenn ihre Ästhetik mit einer politischen oder sozialen Identität in Verbindung steht. Das Verständnis für traditionellen amerikanischen Rap, ist in Russland nicht weit verbreitet und ermöglicht dadurch eine Chance für Vorreiter von Subgenres mit einem dunkleren Tonus. Dies erklärt auch, warum die $uicideboy$ (237.000 Follower) eher den typischen russischen Zuhörer ansprechen als ein Drake (112.000 Follower).

Es sind gegenwärtige Probleme, wie fehlende Aufstiegsmöglichkeiten und das allgegenwärtige Stigma der Depressionen, welches Negativität in der Musik so attraktiv, in den Augen der heutigen Generation erscheinen lässt. Identitätsprobleme, Existenzängste und schirre Aussichtslosigkeit, führen in die Arme von Künstlern wie Lil Peep oder Night Lovell, die all das mit ihren dunklen Klangbildern, temporär vergessen lassen, jedoch diese Problematiken in ihren Texten ansprechen und so auch als Denkanstoß dienen.

Nicht verifizierte Social-Media-Accounts, eine tiefliegende, russische Obsession mit der amerikanischen Schattenseite, ein paar Teenies mit zu viel Freizeit und ein düsterer, basslastiger Soundtrack ist also das ganze Geheimnis hinter diesem Phänomen? Die derzeitige politische Lage, ließe vielleicht vermuten, dass ein gewieftes Label hinter der unvorhergesehenen Zusammenführung dieser beiden Parteien steht. Die Wahrheit ist jedoch simple und bittersüß: eine unzufriedene Jugend mit Zugang zum Internet, welche Gehör in einer Gemeinschaft findet, die die Grenzen der Sprache und Kultur überschreitet.