Die Kanye West Delusion

Gegenüber den Machthabern für die eigenen Ansichten und die subjektive Wahrheit einzustehen, war lange Zeit ein zentrales Thema dafür, wie Kanye West seine Kunst und sein operatives Geschäft steuerte. Ungeniert belästigte er die Führungskräfte der Welt, welche ihm nicht die volle kreative und finanzielle Freiheit gewährleisten wollten. Er stellte die Empathie eines Präsidenten live im Fernsehen infrage. Er legte seine Gefühle auf eine Art und Weise offen, die derart an der vermeidlichen Unverwundbarkeit des öffentlichen Lebens kratzte, wie nie zuvor. Kanye ist ein brennendes Streichholz auf der Suche nach der passenden Zündschnur, allzeit bereit die nächste Kontroverse zu entfachen.

Seit der Rückkehr aus der Abstinenz lässt sich jedoch eine Verschiebung der Rollen beobachten: West hat die Position des Machthabers eingenommen und das herantragen der subjektiven Wahrheit ist zur Norm geworden.

Dies manifestierte sich in verschiedenen Formen. Rapper T.I. nahm den Track „Ye vs. the People“ mit ihm auf und hinterfragte Kanyes Huldigung für Präsident Trump und das Tragen der „Make America Great Again“ Cap kritisch. Der Radiomoderator Ebro Darden echauffierte sich mit Nachdruck über Wests Zuspruch für die schwarze konservative Candace Owens. Auf TMZ live beschimpfte Van Lathan, einer der Produzenten von TMZ, West wegen seiner jüngsten Äußerungen, einschließlich seiner Aussage in der Show, dass Sklaverei „eine Wahlmöglichkeit“ sei.

Dies sind Verhaltensweisen, Aussagen und Gefühle, die potenziell die größte existenzielle Bedrohung darstellen, die das Kanye-West-Imperium je erlebt hat. Was sich über die letzten zwei Wochen ereignet hat, gleicht einem psychologischen Tauziehen, in dem Kanye seine Position immer weiter stärkte.

Der Quell dieses Moments lässt sich bis in die letzten Monate des Jahres 2016 zurückverfolgen, das letzte Mal, als Mr. West öffentlich so präsent war. Innerhalb weniger Wochen wurde seine Frau ausgeraubt, seine Tour musste abgesagt werden und das ganze gipfelte sich in einen stationären Krankenhausaufenthalt. Während seines TMZ Auftritts offenbarte er, dass er in diesen Monaten eine Sucht nach verschreibungspflichtigen Opioiden entwickelt hatte.

Das Jahr endete mit einem Treffen des designierten Präsidenten in den Trump-Tower und war Grundstein für eine irritierende öffentliche Wahrnehmung für jemanden, der sich sonst immer für die Enteigneten eingesetzt hatte.

In Trump findet sich West wieder: ein Provokateur mit Konzept; eine Person, die sich so sicher in ihren Gaben ist, dass sie sich nur selektiv mit Tatsachen auseinandersetzt; jemand, der leidenschaftliche Dissens als Zeichen des Erfolgs sieht, nicht als Indikator für eine lose Konklusion. “I can tell you that when he was running, it’s like I felt something”, sagte Mr. West in einem Interview mit dem Radiomoderator Charlamagne Tha God. “The fact that he won proves something. It proves that anything is possible in America”.

In den zwei Interviews, welche vergangenen Dienstag veröffentlicht wurden, betonte West die Bedeutung von „Gedankenfreiheit“ und „freier Liebe“, um seine öffentliche Huldigung von Donald Trump als Teil einer breitgefächerten Philosophie zu kontextualisieren.

Was sich im Laufe des Interviews herauskristallisierte, waren andere, verletzlichere Begriffe: „unbestimmter Schmerz“ und „HSP„, was die Abkürzung für Menschen mit ausgeprägter Sensibilität ist. Es waren Begriffe, zu denen er mehrmals mit Charlamagne zurückkehrte. Er war trotzig bei der Verteidigung seiner Ansichten, präsentierte sich aber auch als jemand, der zerbrechlich und schutzbedürftig ist.

Die beiden Interviews boten konkurrierende Versionen der Klarstellung an. Das Gespräch mit Charlagmane, welches vor zwei Wochen gedreht wurde, ist ein längeres Aussitzen und zeigt Kanye von seiner reflektierten Seite.  Er begann damit, auf die missliche Episode in 2016 einzugehen, einschließlich der Frage, warum seine Musik nicht die gewollte Resonanz der Hörfunkanstalten bekam. Außerdem adressierte er seinen Unmut gegenüber zwei hochrangigen Männern (Jay-Z und Barack Obama), von denen er sagte, sie hätten ihn im Stich gelassen.

Das Charlagmane Interview war visuell temperiert, anfänglich in einem weißen Raum gefilmt, während der zweite Teil in die Natur verlegt wurde, simultan zum Sonnenuntergang, welcher das Paar in Dunkelheit drapierte. Die visuelle Inszenierung war ruhig und besänftigend.

Im Gegensatz dazu war der Auftritt bei TMZ holpern. Kanye sorgte sich nicht um die vorgewiesenen Kamerawinkel, lenkte die Konversation in mehrere Richtungen und verwischte mit seiner Realität das Fundament der gut durchstrukturierten Show. In gewisser Weise war es ein Beleg seiner Argumentation – seine freier Gedankengang war ein unkalkulierbares Risiko für die Starrheit der Show. Es war der Bruch einer imaginären Wand, die physische Manifestierung von Kanye West, die versuchte in einer alternativen Realität zu operieren.

Immer wieder verwies er auf unsere Gesellschaft, unsere Welt als ein Teil einer „Simulation“. Van Lathan entgegnete vehement: “The life that I live is as a real person, an actual person”.

Kanye West behauptete, dass die Verantwortung des Künstlers nur für ihn selbst, nicht für eine größere Ideologie oder andere Menschen besteht. Ein weiterer irritierender Moment seines TMZ Auftritts war, als Candace Owens, eine Plattform für ihre kontroversen Ansichten über Polizeigewalt und die Black Lives Matter Bewegung erhielt. West saß mit gesenkten Kopf neben ihr, spielte mit seinem Handy herum und schien an den Einzelheiten nicht interessiert zu sein. Anteil nahm er wieder, als Owens, die Frau von Sänger John Legend und einen guten Freund beleidigte. Er unterbrach sie mit “I appreciate your free thought, but …”.

Diese Passivität ist vergleichbar mit dem, was auf seinem Twitter-Feed passierte, wo er elementare Missdeutungen der amerikanischen Geschichte veröffentlicht hatte. Es folgten Tweets mit Screenshots von Konversationen, in denen diese Fehlinterpretation widerlegt wurden. Dies zu beobachten, erinnerte an Berichte über die frühen Tage der Trump-Präsidentschaft, als konkurrierende Fraktionen provokante Artikel auf seinen Schreibtisch schleusten, in der Hoffnung, seine schwankende Meinung zu beeinflussen und so seine impulsiven Instinkte zu wecken.

West in der Position einer Brieftaube zu sehen, ist unangenehm. Während des TMZ-Auftritts, als er über die Wichtigkeit der Klassenhirachie sprach, beobachtete Owens ihn und lächelte, wie eine Lehrerin, die sich über eine korrekte und gut ausformulierte Antwort ihres Schülers freute. Seine Kontroversen, von seiner Vorstellung über Sklaverei bis hin zu den Vorwürfen gegenüber Obama („Obama war das Opioid unseres Schmerzes – er hat uns lediglich beruhigt“), hinterlassen eine gespaltene Fangemeinde, der es selbst überlassen ist, wie sie über diese Thematiken zu urteilen hat. In Wests Erzählung zeigen diese Provokationen die Bereitschaft, etwas zu denken und zu sagen, was andere nicht wagen würden. Steckt mehr dahinter, als banale Provokation?

Es ist kein Zufall, dass er mitten in seines TMZ-Interviews verkündete: „This is the most confident I’ve been since my mom passed“. Was West mit der Auswahl von zwei solch grundverschiedenen Formaten, wie dem Boulevardmedium TMZ und dem renommierten Radiomoderator Charlagmane Tha God jedoch aufzeigt, ist eine Lektion auf der Metaebene. Um diesen Subtext besser verstehen zu können, muss man sich intensiver mit seinem Twitter-Account auseinandersetzen. Versucht man die einzelnen Tweets in ein Gesamtbild zu fassen, liegt die Vermutung nah, dass Kanye West sich inmitten eines Joseph Beuys inspirierten Absurdum an Performance-Kunst befindet.

Zwei von West veröffentlichte Bilder auf Twitter, beziehen sich auf den deutschen Aktionskünstler Joseph Beuys. Das erste Bild zeigt ein Abbild Beuys und das zweite ist ein Foto von einer Kunstinstallation, die er 1974 mit dem Titel „I Like America and America Likes Me“ schmückte.

In der Installation wurde Beuys für drei Tage in einen Raum mit einem Kojoten eingesperrt. Der Kojote wird als ein wildes Tier bezeichnet, das oft als Vertreter des ungezähmten, spirituellen Geistes Amerikas angesehen wird. Hinsichtlich seiner Aktion, wurde Beuys wie folgt zitiert: „Man könnte sagen, dass noch eine Rechnung mit dem Kojoten zu begleichen ist, erst dann ist dieses Trauma vorbei“. Beuys erkürte den Kojoten als ein Symbol für den Schaden, den die Weißen dem amerikanischen Kontinent und der einheimischen Kultur zugefügt hatten. Die Aktion endete mit einer Umarmung des Kojoten. Sie hatten einander akzeptiert und Beuys zwang sein Publikum förmlich dazu, sich ebenfalls mit dem Massaker an den Ureinwohnern Nordamerikas auseinander zusetzen.

Der Gedanke liegt nah, dass Kanye versucht, Beuys „I Like America and America Likes Me“ auf eine moderne Weise zu interpretieren. In seiner Version, bilden TMZ, Charlagmane und Twitter die digitale Rauminstallation, während der Kojote in Form von Trump, Candace Owens und Rechtspopulismus vertreten ist. Dies würde sich auch mit einer Reihe an Tweets decken: „too much emphasis is put on originality. Feel free to take ideas and update them at your will all great artist take and update“ und „it’s not where you take things from. It’s where you take them to“.

Später twitterte Kanye ein Bild seines „Mood Boards“, das eine Zeichnung mit dem Namen Andy und Publikationen von David Hammons und Joseph Beuys zeigte. Interessant ist die Persona Hammons hinsichtlich seiner immer wiederkehrenden Verwendung eines umgedrehten Pik-Zeichens in seiner Kunst, um die Bedeutung eines rassistischen Klischees umzukehren. In diesem Zusammenhang benutzt Kanye die rote „Make America Great Again“-Cap als metaphorisches „Pik-Zeichen“, ein bekanntes Symbol in den Staaten, das viele als Rassismus in Textilform wahrnehmen.

Im Laufe seiner Karriere hat West konsequent eine linksgerichtete, progressive politische Position eingenommen, einschließlich seiner berühmten Bemerkung, dass „George Bush sich nicht um schwarze Menschen schert“. Kanye ist dafür bekannt, das Gewöhnliche zu etwas Außergewöhnlichem umzufunktionieren. Dieser Akt ist seine vollständige Umkehrung der Ideale und der bewussten Entscheidung zur Übereinstimmung seiner selbst mit Symbolfiguren aus dem rechtsorientierten Konservatismus.

Doch was will Kanye neben marketingtechnischen Aspekten mit dieser Performance erreichen? Vielleicht möchte er eine Diskussion über das immer noch tabuisierte Stigma der psychischen Erkrankung in der Mitte unserer Gesellschaft anregen; vielleicht ist es ein Versuch, der Welt einen Spiegel vorzuhalten und so eine Diskussion über den Ist-Zustand unserer Gesellschaft zu entfachen. Eine Diskussion die auf der Ebene eines aufgeschlossenen Meinungsaustauschs beruht und sich nicht nur auf ein Übel – das Übel des Rechtspopulismus – verdichtet.

Es wäre nicht die erste Art der Aktionskunst in der Postmoderne, im Rahmen einer breiteren Öffentlichkeit. Viele Leute dachten, dass Joaquin Phoenix seinen Verstand verloren hatte, als er mit der Schauspielerei aufhörte und Rapper wurde. Es stellte sich heraus, das alles Teil einer Performance-Kunst war, die als Grundlage für den Film „I’m Still Here“ dienen sollte.

Zum Ende des fast zweistündigen Interviews zeigte er Charlagmane ein Grundstück, das er gekauft hatte, mit Plänen, eine Gemeinschaft darauf zu errichten, einen Ort zu schaffen, an dem eine andere Realität, die ersetzen könnte, gegen die er gerade schwadroniert. Ein Ort, wo er die Wahrheit und die Instanz der moralischen Gesetzesdefinition ist. Vielleicht ist es der finale Akt seiner Performance und er offenbart sich und seine Wahrheit der Welt. Der Juni wird es zeigen.