Die drogenverseuchte Welt der neuen Soundcloud Rap Generation

Schweiß, Blut und Tränen pflasterten den berüchtigten Abend, an dem XXXtentacion – live auf der Bühne – den Sucker Punch seines Lebens kassierte. Eine weitere unvorhersehbare Etappe, auf dem Weg zum Gipfel des SoundCloud Raps – ein populäres Subgenre, welches seinen Namen dem gleichnamigen Streaming-Service „SoundCloud“ zu verdanken hat. Ein Genre welches polarisiert und immer mehr an Wichtigkeit dazu gewonnen hat. Es ist die neue Bewegung im Hip-Hop und zeichnet sich durch rebellische Klänge, einer unzähmbaren Energie und den gelegentlichen Ausrutschern von Boshaftigkeiten aus.

Ihre größten Charakteren sind Internet-Stars, welche ihre Affinität für Animes in einem Musikgenre ausleben, welches sich selber als moderner Hip-Hop zu bezeichnen vermag: Allem voran das Florida-Tag-Team, rund um Smokepurrp und Lil Pump (welche auch zusammen als Gucci Gang unterwegs sind); der sensible Herzensbrecher Lil Peep und der aufmüpfige XXXtentacion, welcher schon die ein oder andere Auseinandersetzungen mit der Justiz inne hatte.

Die Ästhetik ist ein sanfter Zungenkuss zwischen High-End-Streetwear und High Fashion, gepaart mit Gesichts-Tattoos, bunt gefärbten Haaren und einem medikamentösen Geisteszustand. Die Musik hat eine gewollt „retro“ klingende Klangästhetik, ist eindringlich und weist meist einen verzerrten Bass auf. Im Grunde genommen ist es wie reduzierte Trap Musik, welche über den heißen Feuer gegart wurde und sich durch die rohsten Komponenten des Traps definiert.

In manchen Fällen weist das Genre sogar Punk ähnliche Ansätze auf: Kennzeichnend dafür ist das abschaffen von weit verbreiteten, musikalischen Konventionen, eine Merkmal welches die Musik so ungeschliffen und jugendlich klingen lässt.

Es ist in gewisser Hinsicht ein logisches Kontra auf die Glätte des Drake-Era-Major-Label-Rap, welche schon vor langer Zeit ihre Ecken und Kanten aus den Augen verlor. Tatsächlich ist besagter Drake sogar der sprichwörtliche Endgegner auf sämtlichen XXXtentacion Social-Media-Kanälen. Der Grundton dieses Genre ist wie ein natürliches Komplementärgut für die Streaming-Ära, welche Zugänglichkeit und Klangkonsistenz belohnt.

Diese Künstler – und Hunderte mehr – haben sich vor allem auf SoundCloud versammelt. Der Streaming-Service, der am meisten auf die Entdeckung von neuen Künstler ausgerichtet ist und die einfachsten Aufnahmebedingungen vorzuweisen hat. Es ist ein neues Ökosystem von aufstrebenden Künstlern, die die Möglichkeit haben, schneller als jemals zuvor aufzusteigen. Von Songs, die von einer potentiellen Millionenschaft gehört werden können, bis hin zu bundesweiten Touren und dem Verkauf von Merchandise – und das ohne traditionellen Türöffner.

Nicht alle Hip-Hop-Gegenbewegungen sickern in den Mainstream aber SoundCloud Rap wächst schnell, und große Labels scharen schon mit den Hufen. Rapper wie Lil Pump, Smokepurrp und Wifisfuneral haben erst vor kurzem einen Vertrag unterschrieben. Auch der Breakout-Hit der Szene „Look at Me!“ von XXXtentacion schaffte es auf Platz 34 in den Billboard Hot 100 und spielte sich in fast jede Playlist von diversen Hip-Hop Radio Sendern.

Die Frage ist jedoch, wie viel von dieser überschwänglichen Energie – von den Liedern, die mehr Gemeinsamkeiten mit Hardcore haben als mit Hip-Hop, bis hin zu den Gewaltexzessen und den Drogen – überleben werden, während des holprigen Übergangs in den Mainstream.

Besagte überschwängliche Energie wird desöfteren auch auf das Live Publikum übertragen, welches meist jung, weiß und männlich ist – Gute Auftritte zeichnen sich durch ausschweifende Moshpits aus. Immer öfters übertragen sich die propagierte Ausschweifungen in den sozialen Medien, in die reale Welt. So wurde Ski Mask the Slump God während eines Auftritts in Los Angeles, auf der Bühne attackiert. Auf Twitter prahlte Lil Pump mit dem Totalschaden seines neuen Porsche und feierte die 1 Million Follower auf Instagram mit einem XANAX-förmigen Kuchen. Ein anderes Beispiel ist die aktuelle XXXtentacion Tour, welche man nicht ohne Versicherung besuchen sollte. Messerstechereien, Schießereien und diverse andere Delikte haben einige Veranstalter dazu veranlasst, Auftritte von XXX abzusagen.

Obwohl diese Rapper am Rande des Hip-Hop-Mainstream operieren, sind sie nicht ohne Vorgänger. Sie sind die bösartige Junior-Liga der psychedelischen Ära des Genres – die Erben von Experimentalisten wie Lil Uzi Vert, Young Thug und der Internet-Rap-Ikone Chief Keef. In gewisser Weise ist dieses Internet-Phänomen sogar regional einzuschränken: Ein Großteil der Künstler und Produzenten aus diesem Kosmos, kommen aus der Gegend von Miami. Der ästhetische rote Faden des Klangbilds ist geprägt von Künstlern wie Spaceghostpurrp und der Raider Klan, Denzel Curry, Yung Simmie, Fat Nick und Pouya.

Mit zunehmend außergewöhnlichen Referenzpunkten, und dank der direkten Fan-Nähe durch das Internet, entwickelt sich diese Szene rasend schnell. Sie bietet Raum für melodische Künstler wie UnoTheActivist; Rock-beeinflusste Sing-Rapper wie Trippie Redd und sogar Matt Ox, ein weißer, 12-jähriger Rapper aus Philadelphia, dessen Durchbruch Video „Overwhelming“, voll mit Fidget Spinnern war.

Ob ein solch ungewöhnlicher Sound in den unbarmherzigem Gewässern des Rap-Radio-Mainstream überleben kann, bleibt jedoch abzuwarten.