Die Dominanz von extrem kurzen Rap-Songs

Der Running Gag um Lil Pumps Breakout-Hit „Gucci Gang“ ist, dass der 17-jährige Rapper den Titel 53 Mal wiederholen muss, nur um die Zwei-Minuten-Marke knacken zu können. In den Weiten des Internets existiert eine Version, die jedes Mal schneller wird, wenn er „Gucci Gang“ sagt und es gibt noch eine andere ohne die Wiederholung der besagten Wörter – beide sind weniger als 50 Sekunden lang. Pump, seines Zeichens ein SoundCloud-Virtuose, der mit Songs wie „Molly“ (1:39), „Elementary“ (1:32) und „D Rose“ (2:06) die SoundCloud-Charts erklomm, ist ein Vorreiter für Rap-Effizienz. Extrem monotone Songs, die genauso schnell enden, wie sie begonnen haben. Seine Popularität münzt auf strategisch klug ausgenutzten Algorithmen und damit ist er nicht alleine.

Die aufstrebende Relevanz von Streaming-Diensten, veranlasste die Musikindustrie, Alben in Überlänge zu publizieren, eine Taktik die Genre übergreifend praktiziert wird und besonders im Hip-Hop anklang fand. Die dynamische Streaming Ökonomie hat einen neuen Trend hervorgerufen: extrem kurze Rap-Songs. Von „Gucci Gang“ über Trippie Redds „Love Scars“ bis hin zu 6ix9ines „Gummo“ überschreiten immer mehr Rap-Hits gerade mal die zweieinhalb Minuten-Marke. Eine Präventivmaßnahme um der kürzeren Aufmerksamkeitsspanne der jüngeren Zuhörerschaft im Internet gerecht zu werden – oder schlichtweg eine logische Konsequenz, welche von der Zuhörerschaft forciert wurde.

Ende letzten Jahres, als „Gucci Gang“ das kürzeste Lied seit 42 Jahren wurde, welches in den Top 10 der Billboard Hot 100 debütierte, komprimierten Lil Pump und Co, ihre Alben auf ein Minimum. Pumps gleichnamiges Debütalbum umfasste 15 Tracks, reduziert auf 36 Minuten. XXXTentacions „17“ hat eine Spiellänge von 22 Minuten, verteilt auf 11 Tracks und 6ix9ines kürzlich erschienenes „Day69“ umfasst 11 Tracks mit einer Dauer von 27 Minuten – alle drei Alben debütierten in den Top 5 der Billboard 200. Ein Trend, der nicht nur im Hip-Hop Mainstream praktiziert wird: Meme-Rapper Ugly God – The Booty Tape (10 Titel, 23 Minuten), der 18-jährige YBN Nahmir mit Believe in the Glo (10 Titel, 26 Minuten) und die Xanarchy-EP des umstrittenen Cali-Rappers Lil Xan (vier Songs, neun Minuten) – alle Songs haben eine durchschnittliche Spieldauer von etwa 2:35.

Kurze Songs sind natürlich ein Kalkül mit Funktionalität. Sie dienen als Nährboden für lyrische Prägnanz, können als stilistischer Übergang für einen anderen Song dienen oder fungieren als kurze Verschnaufpause auf einem sonst langatmigen Album. Einige der besten Rap-Songs erreichen ihre Brillanz innerhalb von zwei Minuten oder weniger: Raekwons „Pyrex Vision“ ist gerade einmal 54 Sekunden lang, GoldLinks „New Black“ erstreckt sich über exakt zwei Minuten und der beste Rap-Song des letzten Jahrzehnts „I Love Kanye“ von Kanye West hat eine Spieldauer von 45 Sekunden. Der aktuelle Trend basiert jedoch auf anderen Metriken. Meist werden kurze Rap-Songs instrumentalisiert, um mit weniger Aufwand, schneller zur Sache zu kommen.

Lil Pump Tracks sind überaus stark auf Wiederholungen und Bässe angewiesen, die bei längerer Laufzeit monoton wirken. Das Geschreie von 6ix9ine, würde über eine Laufzeit von 4 Minuten lediglich zu Kopfschmerzen führen. Dieses Konstrukt führt zur Stagnation und wird von vielen Rappern als Vorwand genutzt, um nicht ambitionierter an die Sache gehen zu müssen. Dennoch profitieren einige dieser Songs von kurzen Laufzeiten, wie Tay-Ks „The Race“, welchen er auf der Flucht vor der Polizei veröffentlichte oder Trippie Redds „Love Scars“, ein Track der förmlich nach dem Betätigen des Repeat Button fleht.

Die vorherrschende Art, wie Menschen Musik hören, bestimmt oft, wie sie gemacht wird. In einer Ära, in der wir dauerhaft von digitalen Medien umgeben sind, hat sich das Zuhören von einer aktiven zu einer eher passiven, unbeabsichtigten Erfahrung verlagert. Was wir in dieser von Teenagern gemachten Musik sehen, ist ein kreativer Prozess, der vom Internet geformt wird und durch verschiedene Herangehensweisen geprägt und veröffentlicht wird. Plattformen wie SoundCloud oder YouTube laden dazu ein, Skizzen und Demos hochzuladen und mit der Welt zu teilen, das Internet tut sein übriges.

Für andere sind Songs nur eine weitere Form von Inhalten für ihre Social Media Accounts – kürzere Songs lassen sich leichter in eine Snap- oder Instagram-Story einfügen. Es ist nicht überraschend, dass Ugly God einst populärer Viner, seinen musikalischen Durchbruch mit dem Track „Water“ (2:20) feierte. Danielle Bregoli (alias Bhad Bhabie), welche als „Cash me outside Girl“ über Nacht einen fraglichen Prominenten Status erreichte, machte ihr Hip-Hop Debüt mit „These Heaux“ (2:21) und „Hi Bich“ (1:45) und dient als Galionsfigur dieses Trends. Diese Sparte an teils Minderjährigen adaptieren die Sprache des Internets und verpacken sie in ihren Texten, was in vielen Fällen dazu führt, dass sie deutlich weniger rappen.

Unter den etablierten jungen Rappern läuft die kurze Song-Strategie parallel zu dem aufgeblähten Stream-Köder-Album. Ein System wie Spotify, bei dem einzelne Tracks öfter als ganze Alben abgespielt werden, verlangt grundsätzlich nach kürzeren Tracks, was dazu führt, dass 20 zweiminütige Songs mehr Wert haben als 10 vierminütige Songs. Deshalb sehen wir vermehrt lange Alben mit kurzen Songs, wie Lil Yachtys neues 17-Track-Album „Lil Boat 2“, wovon die Hälfte weniger als 2:35 andauern.

Es ist wahrscheinlich, dass sich dieser kurze Song-Trend weiter ausbreiten wird, da eine neue Generation an Rappern heranwächst, welche sich mit den Grundmechanismen des Internets bestens auskennen. Wir sehen bereits die Auswirkungen: Eine Schar an Rappern mit dem Namenszusatz „Lil“ (Wop, Gnar, Skies, Ugly Toes, Toenail, Xan) und Rapper, die nach „Dragon Ball Z“ -Charakteren benannt sind, die Lieder über Tarantino-Filme machen. Kurze Songs werden zum Markenzeichen einer neuen Generation von Künstlern des Internets. Sie bedeuten nicht nur das Kommen eines neuen Zeitalters – sie sind eine Veränderung in der Art, wie wir das Genre Hip-Hop in Zukunft wahrnehmen werden.