Das Urteil im Fall XXXTentacion

Müssen wir das Thema XXXTentacion noch weiter behandeln? Solltest du zufälligerweise Anteilseigner der Capitol Music Group sein, führt leider kein Weg daran vorbei. Am Donnerstag machte die Nachricht die Runde, dass der in Verruf geratene 19-jährige Rapper einen Deal bei CMG (eine Tochtergesellschaft der Universal Music Group) für eine atemberaubende Summe von 6 Millionen Dollar unterzeichnet hatte. Dabei kann XXXTentacion – kurz X genannt – auf ein bemerkenswertes Jahr 2017 zurückblicken.

Mit seinem Hit „Look at Me!“ entstieg er dem dunklen SoundCloud-Kosmos und nistete sich in den Top 40 der Charts ein. „Look at Me!“ diente als Galionsfigur für das darauffolgende, 18-minütige Mixtape „Revenge“, welches sich durch prahlerische Gewaltfantasien auszeichnete und sich an einer Vielzahl an Genres bediente (Emo, akustischer Indie-Rock, 90er Jahre R&B, New Metal und EDM). Der Erfolg war trotz diverser Kontroversen überschaubar. Auf Revenge folgte „17“ ein weniger gewalttätiges aber depressives 22-minütigen Indie-Album, das auf Platz zwei der Top 100 Billboard debütierte und von keinem weniger als Kendrick Lamar mit großen Lob überschüttet wurde.

In jeglicher Hinsicht agiert die Musikindustrie wie jedes andere gewinnorientierte Unternehmen auch. Einnahmen werden durch das florierende Streaming-Geschäft generiert und man besinnt sich auf das rudimentäre Kerngeschäft. Im gegenseitigen Einvernehmen mit Hinsicht auf eine beidseitige Gewinnmaximierung arbeitet CMG mit einem aufstrebenden Künstler zusammen, der ein vielseitiges Talent und eine leidenschaftlich junge Fanbase sein eigen nennen kann.

Eine ganz normale Geschäftsbeziehung könnte man meinen. Jedoch ist X’s Aufstieg zum Ruhm durch seine Inhaftierung und dem drohenden Prozess bezüglich mehrerer Anklagepunkten von häuslicher Gewalt überschattet worden. Vor kurzem veröffentlichte Pitchfork einen Audio-Mitschnitt, welcher eine Reihe an pikanten Details offenbarte. In dem besagten Mitschnitt behauptet seine Ex-Freundin, dass er sie gewürgt und geschlagen hätte, weil sie ihn betrogen hatte, als sie mit seinem Kind schwanger war. Der Künstler hat die Anklagepunkte zum wiederholten male ausgeschlagen – sein Gerichtstermin ist für den Dezember 2017 terminiert. Was für Capitol geschäftlich sinnvoll ist, ist auf moralischer Ebene mehr als fragwürdig. Vor allem in einer Woche, in der die allgemeine Berichterstattung sich auf sexuelle Belästigung, Missbrauch und häusliche Gewalt stürzte – getrieben durch die Vorfälle rund um R. Kelly, Usher und anderen Größen.

Die strafrechtlich relevanten Vorwürfe, welche auf andere abzielten, ermöglichten es X unter dem Radar zu verschwinden. So nutzte er die Gunst der Stunde und versuchte die Wogen zu glätten, indem er sich via Instagram „bei jeder einzelnen Frau, die er jemals respektlos behandelt oder verletzt hatte“ entschuldigte. Außerdem versprach er 100.000 US-Dollar für Programme zur Prävention von häuslicher Gewalt zu spenden. Seinen prekären Ruf konnte er trotz alledem nicht ablegen – vergangenes Wochenende wurde er erneut Opfer einer Handgreiflichkeit im Zuge eines Konzerts.

Es ist üblich zu versuchen, die künstlerische Ästhetik von der ethischen Gestalt des Künstlers zu trennen und zwischen dem Geschäft der Kunst und der Kunst selbst zu unterscheiden. Allerdings gestaltet es sich als besonders schwierig bei X, dessen musikalische Persönlichkeit und öffentliche Persona beide durch eine Art und Weise der brutalen Intimität gekennzeichnet sind, welche wenig Raum für eine leidenschaftslose Einschätzung lässt.

Es gibt kein dazwischen. Auf der einen Seite die Leute, die ihn absolut nicht leiden können und auf der anderen Seite seine Fans, die seine Musik wie eine Art Glaubensbekenntnis ausleben – ähnlich wie man es von Sektenführern à la Jim Jones kennt. Es ist ein Treuebekenntnis, das er aktiv fordert: „17“ beginnt mit einem grüblerischen Monolog, in dem er beschreibt, wie man mithilfe des Albums „buchstäblich und ich kann es nicht genug betonen, buchstäblich“ in seine Gedankengänge eintaucht.

I do not value your money. I value your acceptance and loyalty.

Du bist entweder für oder gegen ihn. Auf der einen Seite das junge Genie, gefangen im „Konstrukt von fälschlichen Beschuldigen“, auf der anderen Seite das amoralisches Monster, welches von der Gesellschaft gemieden wird und vom Staat eingesperrt werden sollte. “Please bae, don’t go switching sides” leitet Trippie Redd den Refrain der Single „Fuck Love“ ein. Auf dem letzten Track von „17“  welcher nach der Ex benannt ist – die ihn der häuslichen Gewalt beschuldigt – heißt es: “Last time I wifed a bitch, she told the world I beat her”.

Unabhängig von deinem Standpunkt, ist dies eine Umstand, der dich Fragen lässt, ob es generell möglich ist Gerechtigkeit walten zulassen. X versucht in seinen Texten die Stimmung zu seinen Gunsten zu ändern. Auf der anderen Seite lässt sich die Audio-Veröffentlichung der Gegenseite via Pitchfork ebenso also mögliche Manipulation darstellen. Wenn es um häusliche Gewalt geht, werden Frauen, die die Wahrheit sagen, allzu oft nicht für voll genommen. Auf der anderen Seite ist das Strafrechtssystem in den USA zutiefst befangen gegenüber Armen, Afroamerikanern und Latinos.

Auf und neben der Bühne ist alles was X umgibt mit einer bedenklichen Aura für Unabwendbarkeiten umgeben. Nicht umsonst ist sein Fremdschäm verursachendes Motto „Bad Vibes Forever“ ein gelebter Leitgedanke. Allerdings ist es noch zu früh, um zu sagen, was die Zukunft für ihn offen hält. Er wäre nicht dort, wo er derzeit steht, wenn er nicht sehr gut darin wäre Aufsehen zu erregen und in diesem Sinne – in dem Sinne, dass wir förmlich dazu gezwungen sind, auf irgendeine Weise über ihn zu reden – scheint er stets einen entscheidenden Schritt voraus zu sein. Die Art und Weise wie wir ihn beurteilen sollte sich trotz seiner gesonderten Stellung nicht davon unterscheiden, wie wir über alles andere urteilen.