Das Problem mit Deutschrap: Eine ernüchternde Bestandsaufnahme

Ach Deutschrap – wie lange führen wir diese einseitige Scheinbeziehung schon? Unsere Verbindung ist vergleichbar mit einer Frau, die immer wieder zu ihrem gewaltbereiten Ex-Freund zurückfindet. Unzählige Chancen gab ich dir und immer wieder bekam ich deine flache Rückhand zu spüren. Jegliche Annäherungsversuche endeten in einem Desaster. Deine Existenz ist einfach so unerwünscht, wie qualitativer Journalismus auf rapupdate.de.

Doch woran liegt das? Warum ist die holländische, britische und französische Hip-Hop Kultur in aller Munde, während die deutsche es nicht schafft, die Grenzen von Bottrop-Kirchhellen zu überschreiten? Trotz meiner latenten Abneigung gegenüber Deutschrap, muss auch ich zugeben, dass durchaus fähige Künstler in den deutschen Hip-Hop-Gefilden agieren. Bezeichnend ist jedoch die mangelnde Innovation des Deutschraps an sich.

Die deutsche Rap-Szene ist ist die letzte Haltestelle für Rap-Trends aus den USA. Jeder aufblühende Trend aus Übersee wird von deutschen Künstlern, ein paar Jahre später kopiert. Meistens nicht mal gut, wie z.B. UFO 361, welcher zwanghaft versucht, den Atlanta-/Travis Scott-Sound zu imitieren. Dazu kommt das von Lil B und Yung Lean angestoßene „Cloud-Rap“ Movement, welches die deutsche Soundcloud-Rap-Szene derzeit dominiert.

Ein anderer deutscher Rapper, welche mit offensichtlichen Imitationen heraussticht ist Sierra Kidd. Dieser bringt rein musikalisch betrachtet, einiges an Talent und Potential mit, jedoch ist sein musikalischer Werdegang eine einzige Farce. Es hat einen Grund, warum Sierra Kidd der einzige Deutschrapper ist, dessen Interviews ich mir in voller Länge anschaue. Sei es das hiphop.de Interview aus dem Jahre 2014, in dem er eine tiefgründige Anekdote mit seiner Mutter und dem Regen droppte oder das neuste Interview mit TV Straßensound, in welchem er die Entscheidung für ein Dolchtattoo im Gesicht mit den Worten „twenty one, twenty one, twenty one“ begründete – issa Fremdscham.

Natürlich obwaltet es mir nicht, über Äußerlichkeiten anderer zu urteilen. Jedoch ist es bezeichnend, wenn ein Deutschrapper sich das Symbol eines US-amerikanischen Meme Rappers ins Gesicht stechen lässt. Das wäre so, als ob Karl-Theodor zu Guttenberg sich die ursprüngliche Quelle seiner Doktorarbeit auf die Stirn hätte tätowieren lassen. Das soll sicherlich kein Front an Sierra Kidd sein, von dem ich gesanglich einiges halte. Noch heute glaube ich, dass sein Track „Xanny“ ein Hit in Deutschland geworden wäre, hätte Kidd nicht so ein herbes Problem mit der Authentizität seines öffentlichen Charakters.

Ein anderes Beispiel für dreisten Diebstahl, ist der Rapper Ce$. Man muss nicht mehr als 3 Tracks von ihm angehört haben um die starken Night Lovell und Bones Einflüsse zu erkennen. Ein wenig Inspiration hat noch niemanden geschadet und ist auch sicherlich nicht verwerflich. Sich jedoch auf offensichtlichste Art und Weise an US-Rap-Videos zu vergreifen, zeugt nicht gerade von kreativer Eigenleistung. Ich habe mir mal die Mühe gemacht und das Video „Aspetta“ von Ce$ neben die Audiovisualisierung von Night Lovells „Contraband“ gelegt – urteilt einfach selber.

Ein weiterer Faktor für die Stagnation des Deutschraps ist die Tatsache, dass viele Deutschrapper einfach im Jahre 2008 steckengeblieben sind. „Gangster-Rap“ ist immer noch die dominierende Thematik, welche die deutsche Hip-Hop Landschaft prägt. Bedauerlicherweise wird nicht einmal das vermeidliche Kerngeschäft richtig ausgeübt. Ich wüsste von keinem Deutschrapper, der ein Album veröffentlicht hat, welches an das Storytelling eines Kendrick Lamars herankommt.

Ein Grund dafür ist die Kommerzialisierung des Genres. Schon seit geraumer Zeit, werden die Chartplatzierungen nicht mehr anhand der verkauften Einheiten berechnet. Es sind die Umsätze, die nun als neuer Parameter zur Ermittlung der Chartplatzierung genutzt werden. Dies führte dazu, dass einige gewiefte Deutschrapper eine neue Strategie anwendeten, um diesen neuen Parameter zu den eigenen Gunsten auszunutzen. Auf einmal bot jeder Heinz und Kunz eine so genannte „Deluxe-Box“ an, welche neben dem Album, meistens noch ein T-Shirt oder irgend ein anderes billiges Gimmick enthielt. So ist es auch ohne einen hohen Absatz an verkauften Stückzahlen möglich, eine gute Platzierung innerhalb der deutschen Charts zu erzielen.

Ein Phänomen, welches man sogar bei Newcomern mit einem potenten Plattenlabel im Rücken beobachten kann. Wo früher echte Geschichten erzählt worden sind, erschienen nun Künstler, die ihr Gangsterimage polierten und frei erfundene Geschichten aus dem Ghetto, welches in Wahrheit ein schicker Vorort ist, erzählten. Dabei geht es weniger um die Texte, sondern darum, wer die heftigste Geschichte zu erzählen hat.

Auch die fehlende Melodik der deutschen Sprache ist nicht gerade zuträglich für die internationale Akzeptanz des Deutschraps. Französisch und Englisch haben hingegen eine sehr ausgeprägte Sprechmelodie, bei der die Stimme während des Sprechens oft die Tonhöhe wechselt. Sie verleiht ihnen einen klangvollen und ausdrucksstarken Charakter, welcher sie als besonders musisch oder gar charmant empfinden lässt. Anders sieht es mit dem Deutschen aus, welches für seine Konsonantenanhäufungen berühmt und berüchtigt ist. Wörter wie „Strumpf“ oder „ernst“ wären in vielen anderen Sprachen undenkbar und haben einen harten Klang – nicht die besten Voraussetzungen für eine musikalische Expansion.

Es sind Comedy-Rapper wie Haftbefehl, Celo & Abdi oder SSIO, die mich von Zeit zu Zeit mal wieder in den Deutschrap entführen. Die Zeit für eine Revolutionierung des Deutschraps ist schon längst überfällig. Einen Pionier suchen wir bis dato aber noch vergebens.