Darum quält uns Chris Brown mit einem zweieinhalb Stunden langen Album

Chris Brown fleht dich förmlich an, sein neues Album zu streamen. Bei 45 Songs, die mehr als zweieinhalb Stunden in Anspruch nehmen, kommt diese Bitte jedoch einem Staatsakt gleich. In dieser Zeit, wäre es möglich eine ernsthafte Beziehung mit einem Tinder-Match aufzubauen. Du könntest deine Wäsche waschen, in Ruhe brunchen oder Titanic bis kurz vor dem Tod von Jack schauen. Du könntest sogar zwei andere Alben in der Zeit hören, in der Chris Brown seinen Herzschmerz in dem Format einer Best-Of-CD verarbeitet hat.

Am Tag vor seiner Veröffentlichung wies er seine Fans an, wie man am besten sein Album streamen könne, damit er für seine außerordentliche Anstrengung entsprechend entlohnt wird. Eine Frage stellt sich jedoch: Warum ein solch aufgedunsenes Album?

Das Überladen von Alben avancierte zu einem lukrativen Trick der Musik-Industrie, getrieben durch die florierende Entwicklung der Streaming-Dienste. Im Jahr 2014 begann Billboard damit, Streams und Downloads in seine Album-Charts Kalkulation mit einzubeziehen und entwickelte neue Parameter wie das „Track Equivalent Album“ (TEA) und das „Streaming Equivalent Album“ (SEA). Die Rechnung ist recht simple: Zehn Downloads entsprechen einem Album-Verkauf, genauso wie 1.500 Streams eines Songs, selbst wenn diese aus kostenlosen Streaming-Diensten stammen. Unter diesen neuen Richtlinien hat ein Album, das mehr Songs enthält, mathematisch gesehen eine bessere Chance höher in den Charts einzusteigen. Auch ein Grund, warum Drake seine Hit-Single „Hotline Bling“ am Ende seines 20-Song-Album „Views“ platzierte und damit einen Streaming-Rekord brach.

Die RIAA, welche Gold- und Platinauszeichnungen für Alben mit hohen Umsätzen ausschüttet, übernahm diese Regel im letzten Jahr. Als die Regeländerung in Kraft trat, erhielten dutzende von Alben ihre Auszeichnungen.

Plattenlabels haben sich auf ein neues Schlupfloch gestürzt: Es ist gängige Praxis, besonders im Rap und R&B, ein breites Portfolio an Tracks auf dem Album zu präsentieren. Chris Brown ist nicht der einzige, der diesen Monat sein Album übersättigte: Ty Dolla $igns „Beach House 3“ umfasst 20 Tracks während BIG KRITs „4eva“ auf eine Länge von 22 Tracks kommt. Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass ein Album auch ohne diese Streaming-Metriken eine solche länge vorweisen kann, aber mit 45 Tracks ist Browns Album die auffälligste Ausnutzung des neuen Systems.

#TeamBREEZY ❤️🙏🏽

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Mit diesem à la carte Streaming-Plan im Hinterkopf, hat sich Brown für eine digitale Veröffentlichung entschieden – in der Mitte der Chart-Tracking-Woche – mit einem physischen Release, welches am Freitag folgt. Via Instagram ermutigte er seine Fans, sich bei Spotify anzumelden und die kostenlose Testphase von Apple Music und Tidal in Anspruch zunehmen. “Stream multiple times and leave the album on repeat“ schrieb sein Social-Media Team. Brown geht noch einen Schritt weiter und ruft zum mehrfachen Kauf seines Albums auf. Jedoch sollen diese Käufe nicht auf eine einzelne Quittung gehen, da sein Management glaubt, dass es dann nur als einzelner Kauf zählt.

Chris Browns letztes Nr. 1 Album „Fortune“ aus dem Jahr 2012 hat über die Jahre Staub angesetzt und lechzt nach gesellschaftlichen Diskurs in Form eines neuem Nr. 1 Albums. Dass es grundsätzlich nicht mehr darum geht, gehört zu werden, sollte wohl niemanden mehr überraschen. Die Art und Weise, wie offensichtlich Brown dieses aber nach außen kommuniziert, ist erschreckend ehrlich. So sagt er deutlich:

We only have 3 days tracking after release for its debut on the Billboard 200, so no messing around.

Nur einer der fünf vorab veröffentlichten Singles, schaffte es in die Top 40. In einem kuriosen Instagram Livestream ließ er den Frust an den Fans aus: “YALL BETTTER START SHOWING SOME FUCKING RESPECT AND ACT RIGHT! I MAKE MUSIC FOR PEOPLE WHO LIKE MY SHIT!”. Sein Management ist bestrebt, die Fans im Glauben zu lassen, dass trotz Browns gewaltsamer Vorgeschichte, vergangenen Auszeichnungen und einer äußerst erfolgreichen Karriere, sie ihm noch etwas schuldig sind. “We aren’t playing nice, we are here to get Chris the recognition and success he deserves”.

45 Songs zu schreiben ist wahrlich nicht einfach, obwohl die Angewohnheit der Rekrutierung von Dutzenden Songwritern und Produzenten, eine Generation von Künstlern geschaffen hat, die schnell in den Autopilot-Modus verfällt. Es ist möglich, dass Brown einfach nicht zusammenfassen kann, was er zu sagen hat. Das Format des Albums ist immer noch im Wandel: Erst im letzten Jahr hat Kanye West die Idee des „lebendigen Albums“ etabliert, indem er nach der Veröffentlichung von „The Life Of Pablo“ weiterhin herumexperimentierte. Ähnlich wie Drake, welcher sein Album einfach als Playlist betitelte.

Musik war schon immer ein lebendiges Medium, von stundenlangen Trance-Songs bis hin zu Liedern, die aus purer Stille bestehen. Trotz alledem wirkt ein zweieinhalbstündigen Album in Zeiten der Streaming-Ära, wie ein Donald Trump der sich für die Rechte von Afroamerikanern einsetzt – einfach nicht authentisch.