Blackbear sucht auf Cybersex nach seiner Identität

Das Hip-Hop Genre der späten 2000er Jahre war geprägt von farbenfrohen Prahlereien und dem langsamen, fast schon psychedelischen wirkenden Sound des Houston Raps. Es war der Beginn der Meme-Ära des Raps, obwohl Memes, so wie wir sie heute kennen, noch nicht geboren waren. Stattdessen pflasterten Alben mit lebendiger visueller Identität und einer grotesken Avantgarde die Hip-Hop Blogs in jener längst vergangenen Zeit. Charaktere wurden zu Rap-Stars.

Blackbear ist ein augenscheinlicher Verfechter dieser besagten Ära. Man muss nur einen Blick auf die Tracklist von Cybersex wagen, sein viertes Album und sein erstes seit dem Deal mit Interscope. „Bright Pink Tims“ ist ein Track mit Cam’ron, welcher auf die bevorzugte Farbe des Rapper anspielt. Der Track “Gucci Linen” könnte ebenfalls eine Anspielung auf einen Cam’ron Text sein – oder ein Tribut A$AP Yams Tweet. Ob Blackbear mehr als nur ein atmender Index von Hip-Hop Memes ist, wird auf diesem Album, indem sich Plumpheit und Einfallsreichtum gegenseitig die Hand reichen, nicht ganz klar.

Als Rapper verbindet er düsteren Dance-Pop mit melancholischen Gothic-Slowcore – zuhören auf dem Drake kongruent „Gucci Linen“ oder der verspielten Tonfolge auf „E.Z.“. Als überraschende Verschnaufpause fungiert das Duett mit Ne-Yo auf „Top Priority“, welcher eine Weichheit in Blackbears Stimme herauskitzelt, die fernab von emotionaler Ungeschliffenheit rangiert – eine Ungeschliffenheit, die sich durch das ganze Album zieht.

In der Theorie ist Blackbears Vielseitigkeit ein Ausdruck größerer seismischer Verschiebungen des Genres: die Verschmelzung von Hip-Hop und Punk-Elementen; eine durch Erosion bröckelnde Wand zwischen Rap und Gesang und die Geschwindigkeit, mit der die Internet-affine Kultur den Mainstream durchdringen kann. In der Praxis fühlt sich der Großteil des Albums jedoch wie eine Kopie an.

Dabei kann Blackbear auf eine erfolgreiche Songwriter-Karriere zurückschauen –  er war einer der Autoren von Justin Biebers 2012er Hit „Boyfriend“ und arbeitete mit Mike Posner, G-Eazy und Linkin Park zusammen. Es verwundert jedoch, dass sein viralster Song des Jahres „Hit Me Back“, eine Zusammenarbeit mit dem Musical.ly-Star Jacob Sartorius, nicht auf dem Album zu finden ist.

Dieses Album ist die Fassade der Rebellion. Wenn er sich den weniger gewagten Komponenten seiner Kunst unterwirft – geradlinige Melodie – blüht er auf. Die Höhepunkte des Albums kommen jedoch in Form seiner Gast-Features – sei es Lil Aron auf „Playboy Shit“ oder 2 Chainz mit einigen skurrilen Lines auf „Gucci Linen“.

Für Jemanden, der seine Inspirationsquellen so offensichtlich auf seinem Körper trägt, scheut sich Blackbear zu sehr vor eigenen Innovationen. In einem Interview mit dem Radiosender Power 106, nur ein paar Tage nachdem Lil Peep an einer Überdosis Xanax und Fentanyl verstorben war, protestierte Blackbear laut und ungeschickt über Reibungen, die die beiden hatten, und beschuldigte Lil Peep, Elemente seines Stils geklaut zu haben.

Es war ein bizarrer Zug – er entschuldigte sich später – aber es war die Art von versehentlich selbstbewusster Beschwerde, die von jemandem geäußert werden würde, welcher genau weiß, wie einfach es ist, sich mit fremden Federn zu schmücken und damit durchzukommen.