2017 war das Modejahr der Vaterkomplexe

Im Jahr 2015, stellte ein User in der Facebook-Gruppe „Yeezy Talk Worldwide” folgende These auf:

Prediction: As Kanye transcends into dad-life, he’s going to make dad-core trendy and cool. Would it be a far reach to predict that, as Kanye becomes older and more mature, his fits will reflect his lifestyle? With another kid on the way, and plenty of artistic  ventures to explore. Kanye might eventually depart from the streetwear realm entirely and actually make dadcore look cool.

Der Post erhielt fünf Kommentare, bevor er in den ewigen Weiten des Social Media Kosmos entschwand.

Nach gut zwei Jahren sind wir hier. Es ist doch sehr zu bezweifeln, das dieser Trend durch Herrn Wests Kleiderwahl – welcher nach Ende seiner Saint Pablo-Tour, ein ausgesprochen schwaches Jahr hatte – ausgelöst wurde, aber vielleicht war die überspitzte Vorhersage des Facebook Users doch gar nicht so abwegig. Dad-Wear war einer der prägenden Ästhetiken der Männermode im Jahr 2017 und fand Platz auf den hiesigen Laufstegen und in unseren Kleiderschränken.

Im Juni debütierte Demna Gvasalia mit seiner SS18 Balenciaga Herren-Kollektion, bei der eine ganze Reihe an Vätern mit ihren Kindern auf dem Laufsteg liefen. Die Kleidung beugte sich dem Klischee – ausgewaschene Jeans, Blazer in Übergrößen und pragmatische Regenjacken.

It felt like they needed to have some relaxed, comfortable, cosy moments.

 
Bei Martine Rose – welche ebenfalls für Balenciaga tätig war – sahen wir eine ähnliche Abstraktion der unmodernen Regenjacke, welcher zuvor von der funktionalen Herangehensweise jeglicher Väter geprägt war. Gewerkschaftsfunktionär Jeremy Corbyn, dessen schnörkellose Garderobe ihn zu einer ungewöhnlichen Stilikone aufstiegen ließ, war ebenfalls Teil der SS18 Show.

Wie bei Gvasalia, kann Roses Neuinterpretation des Dad-Wear durchaus als Reaktion auf größere Probleme in der Welt interpretiert werden. Gvasalia sprach von der Beziehung zwischen Vätern und ihren Kindern und deutete auf Trost spendende und beruhigende Männermode hin, welche sich von der archetypischen Vaterfigur inspirieren ließ. Unmodisch aber pragmatisch und schließlich da, wenn du ihn brauchst. Entgegen einem Post-Brexit, Post-Trump-Hintergrund, war es vielleicht das, was gebraucht wurde – keine radikale Veränderung, sondern jemand, der den schützenden Arm um einen legt. Vorausgesetzt dieser schützende Arm, ist aufgrund von akuten Zigarettenbedarf noch vorhanden.

Der Trend begrenzt sich jedoch nicht nur auf den Laufsteg. Im Juli proklamierte die New York Times: “A ‘Dad’ Look Is Suddenly Stylish: The Tucked-In T-Shirt” und stellte fest, dass fast jeder, von Brooklyn Beckham bis Virgil Abloh diesen Stil für sich adaptiert hatte. Als Ursprung dieser Neudefinition von dem, was einst als uncool und hässlich galt, lassen sich Skater wie Sean Pablo oder Dylan Rieder heranziehen. Unterstrichen wurde dieser Stil mit klobigen Laufschuhen von Raf Simons, Balenciaga oder Gucci.

Ein anderes Spiegelbild des ästhetischen Wandels, war die Bauchtasche, welche nicht nur Drogendealern und verschwitzten Eltern bei einem Disneyland Besuch vorenthalten war. Sicherlich waren diese schlanker im Design oder trugen die Etiketten von Luxusmarken, wie Prada aber in ihrem Kern waren es immer noch Bauchtaschen.

Der New Balance 990 – ein von Lehrern und Vätern favorisierte Sneaker – welcher sich durch seine komfortable Passform und den dezenten Grautönen auszeichnet, war ein weiterer Evergreen des vergangen Jahres. Zwei Highsnobiety Redakteure nannten die Silhouette des 990ers in ihrer ‚Favourite Sneakers of 2017‘ – Kolumne. „Ein zeitloser Klassiker, der nie aus der Mode kommt“ schrieb der Gründer der Website, David Fischer. Was, obwohl wahrscheinlich wahr, die Ironie des Dad-Wear-Trends unterstrich, der sich manchmal wie eine Renaissance des Normcores anfühlte.

Um es klar zu sagen, dies ist keine Norm, die überdimensionalen Regenjacken von Balenciaga oder Martine Rose werden sicherlich dafür sorgen, dass du in einer Menschenmenge auffällst. Auch ein in die Hose gestecktes T-Shirt für jeden unter dreißig wird nur bedingt unkommentiert gelassen. Im letzten Jahr haben Designer und Modefans die Garderoben unserer Väter durchforstet – oder zumindest das imaginäre Ideal eines Vaters – auf der Suche nach zweckmäßiger Einfachheit.